Retrum (Francesc Miralles)

Retrum (Francesc Miralles)

Über das Buch:

Nach dem Tod seines Zwillingsbruders ist Christian zum Einzelgänger geworden. Am liebsten verbringt er seine Zeit auf dem Friedhof. So lernt er Alexia, Robert und Lorena kennen. Sie nennen sich Retrum und übernachten regelmäßig auf Friedhöfen, um mit Toten in Kontakt zu treten. Christian ist von Alexia völlig fasziniert und schließt sich der Clique an. Doch er weiß nicht, dass er damit das Tor zu einer Welt voller dunkler Schatten und düsterer Offenbarungen öffnet. Denn was als Spaß beginnt, wird zur tödlichen Gefahr …


Rezension:

Vier Freunde verbindet eine Leidenschaft:
das Spiel mit dem Tod.
Doch das Spiel wird zur Gefahr …
und dann holt der Tod sie ein.
Was als Spaß beginnt, endet tödlich.
(Klappentext)

Eine verbotene Motorradfahrt reißt Christians Zwillingsbruder Julian aus dem Leben und ein tiefes Loch in das Leben der Familie, die an dieser Tragödie zerbricht – die Mutter verschwindet und Christian lebt fortan mit seinem Vater allein, der eigentlich nur noch vor sich hinvegetiert und die meiste Zeit vor dem Fernseher verbringt. Für Christian hingegen bieten nicht die eigenen vier Wände den größten Schutz, er zieht die Einsamkeit von Friedhöfen vor. Seine Mitschüler halten ihn für einen Freak – er kleidet sich ganz in Schwarz, interessiert sich für düstere Poesie und agiert sehr in sich zurückgezogen -, weshalb die meisten Abstand zu ihm halten. Nur seine Banknachbarin Alba interessiert sich für ihn und das, was er tut und was ihn beschäftigt, und wird im Laufe der Geschehnisse zu einer Vertrauten.
Während einem seiner Friedhofsbesuche fällt Christian ein langer, schwarzer Handschuh in die Hände, außerdem hört er einen seltsamen Gesang, der ihn nicht mehr los lässt. Einige Tage später lernt er die dreiköpfige Retrum-Clique kennen, die ihn als potentielles viertes Mitglied ansehen. Vor allem Alexias geheimnisvolle Aura macht Christian neugierig, außerdem entdeckt er die eine oder andere Gemeinsamkeit. Um Alexia näher sein zu können, nimmt er die ein wenig unheimlichen Aufnahmeproben auf sich und wird schließlich Teil der Gruppe. Sein Vater ist mit dieser Entwicklung nicht glücklich, da Christian sich immer mehr aus dem „echten“ Leben zurückzuziehen scheint, kann aber bis auf das persönliche Unwohlsein nichts gegen Retrum anbringen.
Als es auf einem Roadtrip quer durch Europa zu einem schrecklichen Überfall kommt, stürzt Christian erneut in ein tiefes Loch – doch nicht nur sein eigenes Leben verändert sich durch diese neue Tragödie immens, auch das Leben seiner Freunde und Albas geraten in Gefahr.

Ein eher ruhiger Einstieg in die Geschichte ermöglicht dem Leser, sich langsam mit der Umgebung und den Charakteren vertraut zu machen, denn nur allzu bald nimmt Retrum an Fahrt auf und scheint sich an Ereignissen überschlagen zu wollen. Die Kalkulation ist Francesc Miralles hier nicht immer gut gelungen, teils ist die Story zu seicht, an anderen Stellen hingegen zu actionreich und völlig an Input überladen. Die authentischen Charaktere entschädigen jedoch für dieses Auf und Ab, da es dem Leser recht leicht fällt, sich auf die Protagonisten mitsamt ihren Schicksalen und eigensinnigen Charakterzügen einzulassen und somit auch dem durchweg recht unvorhersehbaren Verlauf der Erzählung aufgeschlossen gegenüber zu treten. Zitate von großen und kleinen Musikern und Poeten, die sich wie angegossen einbinden (lassen), geben außerdem das Gefühl, dass der Autor seine Geschichte um Christian und die Retrum-Clique auf eben diese Zitate aufgebaut hat – auch die eigenen Erfahrungen von Miralles werden im Geschehen sehr deutlich. Die Darstellung einer anschaulich düsteren Atmosphäre, bildhafte Friedhofsbeschreibungen, schauerhafte Charaktereigenschaften und düstere Musiktexte von seiner eigenen Band zeigen, dass hier ein Szenekenner am Werk war und genau weiß, wovon er im vorliegenden Roman schreibt. So weiß zum Beispiel die Passage, in der die Namensentstehung und der Zusammenhang zwischen „Redrum“ und „Retrum“ erklärt werden, auch bis dahin skeptische Leser zu überzeugen.

Dass verschiedene Handlungsstränge sich im Sand verlaufen und somit die Möglichkeit auf eine Fortsetzung offen halten, soll wahrscheinlich ebenfalls ein Lockmittel oder Aufhänger sein. Dies gelingt Francesc Miralles nur bedingt, denn leider werden zum Ende hin zu viele Fäden aufgelöst – ob der Autor hier zwangsläufig eine Art HappyEnd finden wollte oder es in seinen Augen einfach keinen „saubereren“ Abschluss für die Geschichte geben konnte, ist fraglich. Zwischenzeitliche Spannungsbögen werden allerdings nahezu entwertet und geben dem Leser wieder neuen Grund zu Skepsis und Zweifeln, ob man hier das richtige Buch für den persönlichen Thriller-Geschmack in den Händen hält – die eine oder andere fragwürdige „Auflösung“ erscheint schon während des Lesens zu mystisch, sodass es schwer fällt, an der Ernsthaftigkeit und Realität der Geschichte festzuhalten.

Zwiegespalten bleibt der Leser also nach dem nicht unbedingt zufriedenstellenden Ende zurück. Denn einerseits weiß Francesc Miralles mit einer noch nicht ausgelutschten, aber auch nicht ganz innovativen Grundidee den Leser in seinen Bann zu ziehen, andererseits können der flüssig zu lesene Sprachstil und die gelungene düstere Atmosphäre, die auch von der Optik wunderbar unterstützt wird, nicht über kleine Defizite in der Umsetzung und vor allem dem eher schwachen Ende nicht aufwiegen. Dennoch darf man gespannt sein, was die Leserwelt aus der Feder dieses Autors noch erwarten wird.


Fazit:

Ein sehr spezieller Thriller, der zwar mit dichter Atmosphäre fesseln und mit einer grundsätzlich spannenden Idee überzeugen kann, aber doch irgendwie auch nicht richtig ins Genre passen will. Musikalische und poetische Schnipsel unterstützen die Düsternis der Friedhofsschauplätze, einzelne bildliche Beschreibungen werten das insgesamt eher leichte Dahinplätschern auf. Für Anhänger der sogenannten Gothik-Szene ist Retrum möglicherweise ein Glücksgriff, „normale“ Thriller-Fans werden zwar gut unterhalten, sich nach dem Lesen jedoch recht schnell nach anderweitigem Stoff umschauen.


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