Zwei Leben in einer Nacht (Caroline Wahl)

Zwei Leben in einer Nacht (Caroline Wahl)

Klappentext:

Eine Challenge, eine Nacht, (k)ein Ausweg

Freitag, der 13., Mitternacht. Caspar beobachtet, wie Sams blaues Haar im Wind flattert, als der Zug vorbeirast. Eigentlich weiß er nichts über sie, nur, dass sie beide von Ghost für diese Challenge ausgewählt worden sind. Gemeinsam warten sie auf die erste Nachricht. Die Anweisungen für eine von fünf Aufgaben in dieser Nacht. Ein gefährliches Spiel, das nur ein Ende kennt: ihren Suizid.


Rezension:

Als Sam und Caspar sich begegnen, wissen sie beide, dass ihnen eine besondere Nacht bevorsteht. Denn dieses Mal wurden sie beide ausgewählt, die Challenge zu absolvieren, auf die sie so lange gewartet und hingearbeitet haben. Gemeinsam werden sie bis zum Morgengrauen verschiedene Aufgaben von Ghost erfüllen, bis sie schließlich beim ersten Sonnenstrahl gemeinsam den Freitod antreten werden. Im Laufe der Nacht geben Sam und Caspar sich das Versprechen, immer ehrlich zueinander zu sein, denn jeder trägt seine ganz eigenen Geheimnisse mit sich, und am Ende haben sie nichts mehr zu verlieren außer ihr Leben. Aber genau das ist das Ziel dieser Nacht …

Das Thema Suizid und seine Ursachen in einem Jugendroman zu verarbeiten, ist keine leichte Aufgabe. Carolin Wahl hat sich von der sogenannten Blue Whale-Challenge inspirieren lassen, die ihren Ursprung in Russland hatte. Bei dieser wurden den Teilnehmern allerdings 50 Aufgaben gestellt, die nicht an einem Tag oder in einer Nacht, sondern kontinuierlich über einen längeren Zeitraum erfüllt werden sollten. Dass diese Challenge und ihre Ausläufer auf ein so großes Interesse bei Jugendlichen gestoßen ist, zeigt deutlich, wie weitreichend Suizidgedanken verbreitet sind und wie selten Anzeichen erkannt, Betroffene ernstgenommen werden und die notwendige Hilfe erhalten.

Insofern ist Zwei Leben in einer Nacht wahrscheinlich ein wichtiges Buch, das gegebenenfalls als Unterrichtslektüre für Gesprächsgrundlagen dienen, aber auch von Eltern gelesen werden könnte. Die Brisanz des Themas ist allerdings auch der Knackpunkt, an dem hier teilweise sehr nachlässig gehandelt wurde. So wird zum Beispiel das Stigma der Depression durch klassische Indikatoren und klischeebehaftete Charakterdarstellung unterstützt, die Begegnung zwischen Sam und Caspar sowie ihre nachfolgend gemeinsam verbrachte Nacht zu großen Teilen romantisiert und die Gefahr von entsprechenden Foren weitestgehend unter den Tisch fallen gelassen. Ein Sensitive Reading wäre trotz der vorangestellten Trigger-Warnung bei der Umsetzung der an sich lobenswerten Grundidee definitiv ratsam und hilfreich gewesen.

Abgesehen von diesen gravierenden Schwachpunkten gelingt es Carolin Wahl, eine mitreißende Geschichte zu konstruieren. Man spürt in jedem Fall, dass sich um Behutsamkeit bemüht wurde und die Autorin im Vorfeld zumindest zu bestimmten Themen ausgiebig recherchiert hat. So werden zum Beispiel die Zweifel, die aus unterschiedlichen Gründen sowohl an Sam als auch an Caspar nagen, authentisch dargestellt. Durch die wechselnden Perspektiven findet der Leser Zugang zu den Gedanken und Vorgeschichten beider Charaktere, und obwohl sich gerade in Bezug auf Sam recht schnell einige Vermutungen im Leserkopf regen, werden die konkreten Absichten erst spät klar formuliert. Wirklich überraschend kommt diese Wendung allerdings nicht.

Insgesamt ist Zwei Leben in einer Nacht definitiv ein sehr intensiver Roman, der wütend macht, Gänsehaut verursacht und zum Nachdenken anregt. Trotzdem sollte die Lektüre mit Vorsicht genossen und eine Leseempfehlung nur wohlüberlegt ausgesprochen werden. Bei aller Wichtigkeit, das Thema zugänglicher zu machen und vom Stigma zu befreien, werden hier zu viele verschiedene, komplexe und vielseitige Bestandteile zu kurz und auf zu wenigen Seiten abgehandelt.


Fazit:

Zwei Leben in einer Nacht ist ein zweischneidiges Schwert – einerseits befasst sich der Roman mit einem unglaublich wichtigen Thema, andererseits hat er aber auch viele Schwachstellen, die teilweise als gefährlich und grob fahrlässig angesehen werden könnten. Carolin Wahl trifft sicherlich den Nerv vieler Leser und sensibilisiert im besten Fall das Umfeld betroffener Menschen. Leider wird die Themen Suizid, Depression, Mobbing und Misshandlung aber auch zu sehr romantisiert und hier von vielen Klischees getragen, die die Stigmata im schlimmsten Fall noch verstärken.



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