Chester Charles Bennington – Ein ganz persönlicher Nachruf und Abschied(sbrief)

Vor fast drei Wochen hatte ich eine kurze Nacht und einen langen Tag hinter mir. Ich war entschlossen, an diesem Abend früh schlafen zu gehen, und bereits auf dem Weg ins Bett, als ich noch einmal zu meinem Handy griff. Nach ein paar Nichtigkeiten plötzlich diese eine schreckliche Meldung sah, sie las, aber schlichtweg nicht begreifen konnte. Nur sehr langsam sickerte die Bedeutung der Worte auf dem Display in mein Bewusstsein. Und dann setzte draußen vor dem Fenster der Regen ein …

In this farewell
There’s no blood, there’s no alibi
Cause I’ve drawn regret
From the truth of a thousand lies
So let mercy come and wash away
What I’ve done
(What I’ve Done)

Auch heute, fast drei Wochen später, begreift mein Kopf immer noch nicht so wirklich, was passiert ist. Dass es passiert ist. In diesen knapp drei Wochen habe ich viele Artikel und Postings gelesen, so viele schöne, aber auch unfassbar hässliche Worte. Ich bin fassungslos über all diese schlimmen Aussagen. Und mir fällt dazu einfach nichts ein. Ich kann nicht einmal mehr den Kopf schütteln.

Es tut weh. So weh. Und ich könnte ununterbrochen heulen. Aber wir müssen funktionieren. Irgendwie. Denn es geht weiter. Irgendwie. Die Frage ist nur: Wie lange noch? Was ist noch nötig, um die Gesellschaft endlich aufzuwecken? Was braucht es, dass Depression endlich als das Monster erkannt wird, das sie ist? Dass man sie endlich ernst nimmt? Ich habe das große Glück, von Menschen umgeben zu sein, die mich verstehen. Oder es zumindest versuchen. Und ich bin sicher, dass Chester ebenfalls solche Menschen in seinem Leben hatte.

Fast drei Wochen ist es her, dass Chester Charles Bennington sich freiwillig entschieden hat, dieses Leben hinter sich zu lassen. Und seit fast drei Wochen versuche ich irgendwie, meine diesbezüglichen Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, festzuhalten, auszudrücken. Nur bruchstückhaft ist es mir bisher gelungen, und das hier – dieser Artikel – ist eine Mischung aus allem, was mir in diesen vergangenen fast drei Wochen durch den Kopf gegangen ist.

I admit I made mistakes
But yours might cost you everything
Can’t you hear me calling you home?
All the walls that you keep building
All this time that I spent chasing
All the ways that I keep losing you
(Talking To Myself)

Vorab sollte ich vielleicht eine kleine Warnung aussprechen:
Dieser Artikel wird lang werden. Sicherlich kann man all das, was ich hier schreibe(n werde), auch in sehr viel weniger Worte verpacken, aber kurz schreiben kann ich einfach nicht – und möchte ich in diesem Fall auch gar nicht erst versuchen.
Dieser Artikel wird emotional werden, auf vielfache Weise, denn Chesters Tod trifft mich genau dort – inmitten aller Emotionen, die zu fühlen ich fähig bin.
Dieser Artikel wird offen und ehrlich werden, wobei ihr mich ja nicht anders kennt – aber vielleicht kennt ihr mich noch nicht so schonungslos, wie ich hier schreiben werde.
Und dieser Artikel wird persönlich werden, obwohl auch das für die meisten meiner Leser nichts Neues ist – doch dieses Mal greife ich sehr tief in die Backstage-Kiste und hole möglicherweise im Schreibfluss Dinge ans Licht, über die ich eigentlich nie wieder nachdenken, geschweige denn je wieder schreiben oder sprechen wollte.

Sharp edges have consequences
I guess that I had to find out for myself
Sharp edges have consequences
Now every scar is a story I can tell

We all fall down
We live somehow
We learn what doesn’t kill us makes us stronger
(Sharp Edges)

Am Ende dieses langen, emotionalen, ehrlichen und persönlichen Artikels werde ich eine kleine Linksammlung hinzufügen. Dort findet ihr andere Nachrufe oder Artikel zu Chesters Tod, die mich berührt haben, mir aus der Seele sprachen oder in meinen Augen einfach riesigen Respekt verdient haben. Wenn ihr euren Link dort ergänzt haben möchtet, lasst es mich bitte wissen.

Und natürlich seid ihr wie immer herzlich eingeladen, euch in den Kommentaren zu äußern. Ich möchte euch allerdings dieses Mal ganz besonders und explizit darum bitten, auf eure Ausdrucksweise und Wortwahl zu achten – mir ist gerade bei diesem sehr sensiblen Thema ein respektvoller Umgang miteinander wichtig.

Für all jene, die ihre verärgerten, schimpfenden und hassschürenden Kommentare bereits anderswo hinterlassen haben und hier ebenfalls loswerden wollen – versucht es gar nicht erst. Ja, es ist ein freies Land, und ja, jeder darf seine eigene Meinung haben. Ihr müsst nicht gut finden, was er getan (tue ich im Übrigen auch nicht) und wen dadurch er „zurückgelassen“ hat, aber meine Meinung ist:
Ihr solltet euch schämen, auf einen bereits am Boden liegenden Menschen einzutreten und dazu noch in sein Grab zu spucken. Ihr solltet euch schämen, euch das Recht herauszunehmen, über jemanden zu urteilen, dessen Beweggründe ihr weder kanntet noch in den meisten Fällen wahrscheinlich auch nur ansatzweise nachvollziehen könntet. Also spart euch eure abwertenden, meckernden, respektlosen und abschätzigen Kommentare, denn sie werden zumindest hier auf meiner Seite niemals das Licht der Internetwelt erblicken.

Was gesagt werden muss, muss eben gesagt werden, doch nun genug der Vorworte.
Der Rest dieses Artikels gehört Chester Charles Bennington.
Und euch, die meine Worte vielleicht verstehen mögen.

Lieber Chester,

Du kennst mich nicht und wirst diesen Brief niemals lesen geschweige denn sprachlich verstehen. Obwohl, wer weiß schon, ob Du jetzt vielleicht in der Lage bist, alle Sprachen zu sprechen, ob Du jetzt vielleicht durch das Internet surfst, all Deine Nachrufe liest und siehst, wie viele Menschen Dich geliebt haben, wie viele Menschen um Dich trauern, wie viele Menschen Du Zeit Deines Lebens gerettet hast. Auch ich gehöre zu diesen Menschen, denen Du mit Deiner Musik über viele, so viele dunkle Tage geholfen hast. Auch ich bin einer dieser Menschen, die immer wieder Kraft aus Deinen Texten schöpfen konnten. Auch ich zähle zu diesen Menschen, denen Du mit deiner Stimme, mit Deinen Schreien, mit Deinem Flüstern, mit jedem einzelnen auf einer Tonspur festgehaltenen Luftholen eine Stimme gegeben hast.

But the sound of your voice
Puts the pain in reverse
(Battle Symphony)

Chester. Du warst da in meinen dunkelsten, wütendsten, traurigsten Stunden und hast mir mit Deiner Stimme geholfen, alles irgendwie durchzustehen. Du hast mich gleichzeitig runtergezogen und aufgebaut, hast mich fallen lassen und wieder aufgefangen, hast Dich zu mir auf den Boden gelegt und mich beim Wiederaufstehen unterstützt. Du hast Dir mit mir gemeinsam die Seele aus dem Leib gebrüllt; hast mich verstanden, wenn niemand anders es auch nur versucht hat. Du standst direkt neben mir, wenn ich nicht mehr weiter wusste, hast mir Deine Hand gereicht und mich weitergezogen, immer nach vorne. Du warst da in sonnigen, glücklichen, vollendeten Momenten und hast mich tanzen lassen, vor Freude über das Leben. Du hast mir, auf verquere Weise, immer wieder klar gemacht, dass sich das Kämpfen und das Durchhalten lohnen.

I scream at myself when there’s nobody else to fight
I don’t lose, I don’t win, if I’m wrong, then I’m halfway right
I know what I want, but It feels like I’m paralyzed
I don’t lose, I don’t win, if I’m wrong, then I’m halfway right
(Halfway Right)

Und jetzt bist Du fort, weil Du keinen anderen Ausweg gesehen hast. Weil Deine Kraft erschöpft war. Weil Dein zweites Ich, dieser zweite, dieser dunkle und gemeine Chester in Deinem Kopf letzten Endes doch stärker war, als alles Licht der Welt hätte sein können. Ich glaube nicht, dass Du den Kampf aufgegeben oder kapituliert hast. Du hast auch nicht klein beigegeben. Ich bin eher davon überzeugt, dass Du etwas begriffen hast. Dass Dich eine Erkenntnis getroffen hat, die niemand außer Dir versteht. Ich bin sicher, Du hast viele Zweigespräche mit Dir selbst geführt. Hast versucht, Freundschaft mit Deinen Dämonen zu schließen. Hast Dich so sehr bemüht, irgendwie alles auszuhalten. Doch am Ende hat es nicht gereicht. Denn manchmal … manchmal reicht es eben einfach nicht.

I tried so hard
And got so far
But in the end
It doesn’t even matter
I had to fall
To lose it all
But in the end
It doesn’t even matter
(In The End)

Niemand wird jemals wirklich wissen, was Dich letztendlich vor drei Wochen zu der Entscheidung gebracht hat, Deinem Leben ein Ende zu setzen. Niemand wird es jemals wirklich verstehen oder begreifen oder nachvollziehen können. Und trotzdem wird unglaublich viel über Dich und Deine möglichen Gründe spekuliert und diskutiert. Aber in diesen vergangenen Tagen und Wochen wird auch viel darüber berichtet, was Depression anrichten kann. Welche Auswirkungen sie haben kann. Und wie viele Gesichter sie eigentlich hat.

Du hast aus Deiner ganz persönlichen Geschichte und den sich daraus ergebenden Schwierigkeiten niemals ein Geheimnis gemacht – und dafür danke ich Dir von Herzen. Für Deinen offenen Umgang mit Deinen Dämonen, mit dem Du so viel Mut und Stärke bewiesen hast. Du hast nicht nur vielen Menschen eine Stimme gegeben, als sie selbst keine hatten. Du hast ihnen nicht nur durch Deine Musik ein Ventil geliefert, durch das sie sprechen und ihre Hilflosigkeit hinausschreien konnten. Du hast, nicht erst durch Deinen Tod, gezeigt, dass Depressionen so viel mehr sind als einfach mal ein bisschen traurig zu sein. Du hast gezeigt, dass alles, was uns im Leben passiert oder begegnet, selbst in den allerjüngsten Jahren, uns auf ewig begleitet. Du warst – nein, Du BIST – ein wertvoller Mensch und Dein Tod ist ein großer Verlust.

And you’re angry, and you should be, it’s not fair.
Just cause you can’t see it, doesn’t mean it isn’t there.
(One More Light)

Weißt Du, Chester, einige Menschen sind momentan ziemlich sauer auf Dich. Und ich kann sie, zumindest in Teilen, verstehen. Sie werfen Dir Egoismus vor, weil Du Dich einfach aus dem Leben gestohlen hast, ohne darüber nachzudenken, was Du bei den Hinterbliebenen anrichtest. Sie stellen Dich an einen Pranger, weil Du Deine sechs Kinder, Deine Frau, Deine Familie, Deine Bandkollegen und Deine Fans einfach so im Stich gelassen hast. Sie sagen, Du seist feige gewesen und hättest den einfachsten Ausweg gewählt. Und vielleicht haben sie ein Stück weit irgendwie sogar recht.
Aber sie wissen es nicht. Sie wissen nicht, was in Deinem Kopf vor sich ging. Sie wissen nicht, was Du wirklich durchgemacht, wie hart Du tatsächlich gekämpft hast. Sie wissen nicht, was Dich letztlich zu dieser Entscheidung gebracht hat. Niemand weiß das und niemand wird es jemals wissen. Weil man das als Außenstehender niemals genau weiß, niemals genau wissen, sondern nur Vermutungen anstellen kann.

So tell me it’s alright
Tell me I’m forgiven
Tonight
(Nobody can save me)

Auch ich weiß nicht, was genau der Auslöser für Dich, für diese sicher nicht mal eben schnell getroffene Entscheidung darstellte. Ich kann nur annehmen, dass es ein Zusammenspiel aus ganz verschiedenen Dingen war. Ich kann nur vermuten, dass Dich zahlreiche Gedanken gequält haben, vielleicht Bilder aus vergangenen Tagen, möglicherweise Erinnerungen an eine frühere Zeit. Und das kann ich deshalb, weil ich weiß, wie es ist, sich mit diesen fiesen Besuchern aus der Vergangenheit auseinandersetzen zu müssen. Denn bei mir schauen sie zwischendurch auch ganz gerne mal auf einen Abstecher vorbei. Deshalb fällt es mir etwas leichter, Deine Entscheidung auf irgendeine Weise nachvollziehen oder zumindest in Ansätzen verstehen zu können. Oder vielmehr Dich dafür nicht zu hassen oder zu verfluchen oder zu verurteilen – was würde es auch ändern? Zurückbringen kann Dich nichts und niemand, und zumindest ich möchte Dir nicht böse sein. Denn ich bin mir sicher, dass Du niemandem wehtun wolltest, am allerwenigsten Deiner Familie.

I was not mad at you
I was not trying to tear you down
The words that I could’ve used
I was too scared to say out loud
If I cannot break your fall
I’ll pick you up right off the ground
If you felt invisible, I won’t let you feel that now
(Invisible)

Wie schon erwähnt, gehöre auch ich zu den Menschen, denen Du mit Deiner Musik immer wieder geholfen hast. Auch wenn wir uns nie persönlich getroffen, niemals ein Wort miteinander gewechselt habe, so hatte ich doch immer irgendwie das Gefühl, als wüsstest Du genau, mit welchen Worten Du mich erreichen kannst. Du hast mir oft das Gefühl gegeben, dass ich gesehen werde. Trotz all der schwierigen Phasen in meinem Leben, trotz all der schlimmen Erfahrungen in meiner Kindheit und Jugend – durch Deine Musik war immer ein gefühlter Rückhalt da. Wie eine Umarmung habe ich Deine Lieder in mich aufgesogen, Deine Stimme mein Herz berühren lassen – und so zumindest ein Stück weit Hilfe erhalten. Hilfe zur Selbsthilfe könnte man fast sagen.

Sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlungen, seelische Verletzungen – wie soll ein kleines Kind, auch als junger Erwachsener mit derartigen Erfahrungen umgehen? Mit Dingen, die es nicht versteht? Wenn ein kleines Mädchen gesagt bekommt, es wäre nicht das Kind seiner Eltern, sondern im Krankenhaus vertauscht worden? Wenn alles, was man macht oder sagt, uninteressant zu sein scheint und auf taube Ohren stößt? Wenn man regelmäßig Prügel einsteckt und irgendwann daran glaubt, genau das verdient zu haben? Wenn es nirgendwo einen Rückzugsort gibt, nirgends eine vertraute Person, niemanden, der einem zuhört und irgendwie begreift, dass hier Hilfe notwendig ist? Wenn man sich nur in den wunderschönen, weiten Welten der Literatur zu Hause fühlt, nur dort Sicherheit findet und genau für diese Liebe irgendwie immer schräg angeschaut und ausgelacht wird?

Wenn ich wollte, könnte ich wohl ganze Bücher mit meiner Geschichte füllen, und die Sache ist die, Chester – ich finde mich in so vielen Deiner Texte wieder. Und sie haben mir geholfen, weil ich genau dadurch das Gefühl hatte, dass dort draußen eben doch jemand ist, der begreift. Der versteht und der auf seine ganz eigene Art zu helfen versucht.

Put your nose on paperbacks
Instead of smoking cigarettes
These years you’re never getting back
(Sharp Edges)

Ich muss gestehen, dass ich euch nach einigen Jahren exzessiven Hörens eine ganze Weile nicht mehr so intensiv verfolgt habe. Auch das ganz neue Album, One More Light, blieb lange Zeit ungehört. Erst mit der Nachricht Deines Todes nahm ich mir endlich die Zeit, es ausführlich anzuhören. Natürlich hatte ich vorher auch schon Kritiken dazu gehört oder gelesen. Viele haben das Album belächelt und sind der Meinung, dass es völlig untypisch für Linkin Park ist. Dass es völlig untypisch für Dich ist. Dass es überhaupt nicht nach Dir und Deiner kraftvollen Energie klingt.

Sie haben recht – One More Light ist anders als alle Alben zuvor. Es ist ruhiger, poppiger, melancholischer. Und doch klingt es so sehr nach Dir. Ich höre Dich in jeder Zeile, aber anders als bisher. Fast wirkt es ein bisschen, als hättest Du ganz bewusst ruhigere Töne angeschlagen, Deine verletzliche Seite nicht hinter Schreien versteckt. Vielleicht hast Du zum Zeitpunkt des Schreibens und während der Produktion auch schon irgendwie gefühlt, dass es Dein letztes Album sein würde. Vielleicht war es Dein Abschied von dieser Welt, von Deinen Fans, von Deinen Bandkollegen.

Aber ich sage Dir was: Ich mag das Album. Ja, es ist leise, vielleicht auch ein bisschen weinerlich, aber es ist auch unglaublich intensiv, wenn man sich mit den Texten genauer auseinandersetzt. Wenn man eben mal nicht die aggressiven Schreie, die wutlösenden Gitarrenriffs, das lautstarke Gebrüll des Schlagzeugs als Ablenkung annehmen kann, sondern die leisen Töne, die zerbrechlichen Worte wahrnehmen muss. Weil es nichts anderes gibt, von dem man sich ablenken lassen kann.
Ja, ich mag One More Light, das Album und ganz besonders den gleichnamigen Song. Es klingt anders als sonst, aber es klingt trotzdem so sehr nach Dir. Nur eben nach einem anderen Du, nach einem anderen Chester.

I close both locks below the window
I close both blinds and turn away
Sometimes solutions aren’t so simple
Sometimes goodbye’s the only way.
And the sun will set for you …
(Shadow Of The Day)

Chester, ich weiß nicht, wo genau Du jetzt bist. Ich glaube nicht an Gott und den Himmel oder an das Paradies und die Hölle oder an ein Leben nach dem Tod. Ich glaube auch nicht daran, dass die Seele irgendwie weiterexistiert, nachdem ein Körper gestorben ist.

Aber ich hoffe, dass Du dort, wo auch immer Du jetzt bist, endlich Deinen Frieden finden kannst. Dass Du endlich zur Ruhe kommst. Dass Deine Dämonen endlich aufhören, immer und immer weiter um Dich herum zu tanzen. Und ich weiß ganz sicher, dass ein Teil Deiner Seele mit Deiner Musik, Deiner Stimme, Deinen Texten weiterleben wird. Deine Hülle mag nicht mehr hier sein, aber Du bist nicht tot. Du bist so lebendig, Du bist immer noch hier – in jedem einzelnen Wort Deiner Lieder und in so vielen Herzen.

After a while you may forget
But just in case the memories cross your mind
You couldn’t know this when I left
Under the fire of your angry eyes
I never wanted to say goodbye

So I’ll be sorry for now
That I couldn’t be around
Sometimes things refuse to go the way we planned
Oh I’ll be sorry for now
That I couldn’t be around
There will be a day that you will understand
You will understand
(Sorry For Now)

Meine Gedanken sind bei Deiner Familie, Deinen Freunden, Deinen Bandkollegen – von Linkin Park und von Dead By Sunrise – ich hatte das große Glück, Dich mit beiden Bands wenigstens jeweils einmal live sehen zu dürfen. Ein Freund hat mir vor vielen Jahren Konzertkarten geschenkt, weil er sich daran erinnert hatte, dass ich zu dem Zeitpunkt begeisterter Anhänger von 30 Seconds To Mars war – die damals als Support mit euch auf Linkin Park-Tour waren. Und auch das Geheimkonzert von Dead By Sunrise im Grünspan in Hamburg, für das ich großartigerweise Tickets gewonnen hatte, werde ich niemals vergessen. Bei diesem durfte ich Dich aus nächster Nähe, direkt am Bühnenrand erleben, und Deine Energie hat den gesamten Saal mitgerissen. Noch Tage später wurde ich davon durch die Straßen getragen und die Erinnerung an beide Konzerte hilft mir momentan, die Nachricht über Deinen Tod etwas besser zu verarbeiten.

Ich möchte Danke sagen. Für Deine Musik, Deine Projekte, Deine Energie. Einfach Danke für alles, was Du warst und bist, für alles, was Dich ausgemacht hat. Ich hoffe, die Welt wacht endlich auf und erkennt, dass Depression eine ernstzunehmende Krankheit ist. Dass die Menschen endlich begreifen. Dass Dein Tod nicht umsonst war und sich vielleicht endlich, endlich dauerhaft und nachhaltig etwas in den Köpfen der Menschen ändert.

So say goodbye and hit the road
Pack it up and disappear
You better have some place to go
Cause you can’t come back around here
Good goodbye
(Good Goodbye)

Allmählich sollte ich wohl zum Schluss kommen.
Du wirst schmerzlichst vermisst. Wenn man jetzt Deine Musik hört, fällt es viel zu leicht zu vergessen, was passiert ist. Dass die Welt ein ganzes Stück dunkler geworden ist ohne Dich und Dein Leuchten. Aber hey, wen kümmert es schon, dass ein weiteres Licht, dass Dein Licht ausgegangen ist? Nun, Chester … uns. Es kümmert uns. Aber vielleicht hast Du recht und wir alle sind nur ein flüchtiger Moment in dieser Welt. Doch das ändert nichts daran, dass Du uns ganz schrecklich fehlen wirst.

Eingangs schrieb ich, dass Du mich nicht kennst. Jetzt, am Ende dieses Briefes, wenn ich genauer darüber nachdenke, stelle ich fest: Ich habe mich geirrt. Vielleicht kanntest Du mich nicht persönlich, aber Du kanntest einen Teil meiner Seele. Und wir haben ein Stück persönliche Geschichte und Erfahrungen geteilt.

Mach’s gut, Chester Charles Bennington. Du wirst unvergessen bleiben. Auf dass Du gemeinsam mit Chris Cornell den Ort, an dem ihr jetzt seid, bis zum Umfallen rocken wirst – wie seinerzeit die Bühne.

Jess

 

Nachruf-Linksammlung

Linkin Park Facebook-Seite
Sandra Nasic (Guano Apes)
Deine Schreie (Zeit-Magazin)
Sollena Photography
KopfKultur
Jennifer Benkau
Inas Little Bakery


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4 Kommentare
  1. Proserpina sagt:

    Hallo,

    Mir fehlen ehrlich gesagt gerade die Worte, um zu beschreiben, was dein Post in mir ausgelöst hat. Ich sitze hier mit Tränen und fühle mich dir unheimlich verbunden, obwohl wir uns nicht kennen. Ich stecke aktuell in einer schweren Depression und bin deswegen in Behandlung. Es ist ein unheimlich schwerer Weg und ich wünsche niemandem, dass er diese Krankheit bekommt… Sie ist schleichend und unberechnenbar.
    Wir wissen leider alle nicht, was Chester in dem Moment, in dem er sein Leben beendet hat, durch den Kopf gegangen ist. Vielleicht hätten wir ihm seine Fans, seine Familie und seine Freunde einen anderen Weg weisen können. Aber er hat keinen anderen Weg mehr gesehen; ich kann das nachvollziehen, irgendwie. Ich war selbst kurz davor, den letzten Schritt zu machen. Manchmal weiss man einfach nicht mehr, wie man weiter machen soll, woher man die Kraft nehmen soll. Und manchmal reicht diese Hilflosigkeit aus, um sich zu entscheiden, ihr nie mehr ausgesetzt worden zu sein.

    Wie du, habe ich noch immer daran zu knabbern… auch mit den Reaktionen auf den Tod von Chester. Auch ich will unbedingt noch ein paar Worte auf meinem Blog verfassen, aber sie fehlen mir noch immer. Mir geht so viel durch den Kopf und doch weiss ich nicht, wie ich es in Worte fassen soll.

    Ich danke dir, dass du einen Teil von dir, mit uns geteilt hast, einen Einblick in dein Seelenleben gewährt hast.

    Liebe Grüsse und alles Gute!
    Proserpina

    • Schattenkämpferin sagt:

      Liebe Proserpina,

      viel fällt mir zu Deinem Kommentar immer noch nicht ein. Deshalb sage ich einfach nur Danke für Deine Worte. Ich bin froh, dass ich mit meinen Worten andere erreichen und ihnen zum Teil auch eine Stimme geben kann. Mir selbst fiel es ja auch lange genug sehr schwer, meine Gedanken in Worte zu fassen.

      Lass mich wissen, wenn Du Deine Worte gefunden hast, ich würde diesen Beitrag dann auch sehr gerne lesen.

      Liebe Grüße!

  2. Nadja sagt:

    Liebste Jess,

    ich habe auch um Chester getrauert, aber weit weniger intensiv und emotional als du und viele andere.
    Trotzdem hat sein Tod mich bewegt, denn auch er hat ein Stück weit meine Musik geprägt und mich langsam zu dem Geschmack geführt, den ich heute habe.
    Nach seinem Tod habe ich zwei Tage lang nur seine Songs gehört. Und mir dabei vorgestellt, dass Milliarden Menschen auf der Welt auch tun und er das sieht!
    Genau so, wie er deinen Post sieht, der mich wirklich beim Lesen berührt hat!

    Fühl dich gedrückt!

    • Schattenkämpferin sagt:

      Meine liebe Nadja,

      ich danke Dir für Deine Worte.
      Es hat mich selbst auch sehr erstaunt und erschreckt, dass mich Chesters Tod so krass mitgenommen und getroffen hat. Aber ich wusste auch, dass es mir nach dem Schreiben dieses Briefes besser gehen würde, deshalb bin ich froh, dass ich mich trotz der Schwierigkeit, die richtigen Worte zu finden, dazu gezwungen habe. Und tatsächlich ging es mir schlagartig wesentlich besser. Natürlich tut es immer noch weh, Chester und Band haben mich einfach viele, viele Jahre begleitet. Aber der Schmerz flaut immer mehr ab und auch das Hören der Musik ist wieder erträglich.

      Ich umarme Dich zurück, und in Frankfurt dann endlich wieder auch in Echt!

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