Delirium (Lauren Oliver)

Delirium (Lauren Oliver)

Über das Buch:

Früher, in den dunklen Zeiten, wussten die Leute nicht, dass die Liebe tödlich ist. Sie strebten sogar danach, sich zu verlieben. Heute und in Lenas Welt ist Amor Deliria Nervosa als schlimme Krankheit identifiziert worden. Doch die Wissenschaftler haben ein Mittel dagegen gefunden. Auch Lena steht dieser kleine Eingriff bevor, kurz vor ihrem 18. Geburtstag. Danach wird sie geheilt sein. Sie wird sich nicht verlieben. Niemals. Aber dann lernt sie Alex kennen. Und kann einfach nicht mehr glauben, dass das, was sie in seiner Anwesenheit spürt, schlecht sein soll.


Rezension:

Manchmal, wenn man Dinge einfach betrachtet, wenn man einfach still dasitzt und die Welt existieren lässt – dann, ich schwöre es, bleibt die Zeit manchmal für einen winzigen Augenblick stehen und die Welt hält in ihrer Drehung inne. Nur einen Augenblick lang. Und wenn es irgendeine Möglichkeit gäbe, in diesem Augenblick zu leben, würde man ewig leben.
(Seite 148)

In der Welt, in der die junge Lena ohne ihre Mutter aufwächst, sind die Menschen in zwei Gruppen unterteilt: Die einen sind bereits durch einen medizinischen Eingriff am Gehirn gegen Amor Deliria Nervosa immun, den anderen steht dieser Eingriff noch bevor. Letztere Gruppe sind alle unter Achtzehnjährigen und besonders gefährdet. Deshalb gelten für diese Menschen besondere Verhaltensregeln – nicht immune Personen des anderen Geschlechts dürfen nur in Anwesenheit von Erwachsenen getroffen werden, denn die Ansteckungsgefahr ist groß. Wie gefährlich die Krankheit wirklich sein kann, kennt Lena nur aus Geschichten über ihre Mutter – denn sie ist eine der wenigen Personen, bei denen auf mehrere Eingriffe nicht gewirkt haben. Seit ihre Mutter beim letzten Versuch verstarb, lebt Lena bei ihrer Tante, die streng auf Regeleinhaltung achtet. Für Lena ist das Leben mit diesen Einschränkungen nichts Besonderes, sie ist damit aufgewachsen und kennt es gar nicht anders. Bis zu ihrem großen Tag dauert es nicht mehr lang und sie ist schon ganz aufgeregt. Doch dann fängt ihre beste Freundin Hana an, komische Sachen zu sagen, und Lena kommt ins Grübeln. Außerdem trifft sie auf Alex und der stößt ebenfalls so manchen Gedanken und so manches Gefühl in ihr an. Und plötzlich ist sich Lena gar nicht mehr so sicher, ob Amor Deliria Nervosa tatsächlich so brandgefährlich ist, wie der Bevölkerung weisgemacht wird …

Wohin man auch sieht, fast überall wird man von Dystopien nahezu überrannt. Da fällt es schwer, sich nicht mit einem leisen Seufzer zu ergeben und schließlich doch auch wieder zu einem klischeebehafteten Buch zu greifen und sich ohne große Erwartungen in ein wenigstens unterhaltsames Lesevergnügen zu stürzen. Denn die Masse an Dystopien, gerade im Jugendbuchbereich, macht es einem tatsächlich schwer, an einem Regal vorbeizugehen und nicht wenigstens einen kurzen Blick zu riskieren. Während die Augen schweifen, bleiben sie schließlich an diesem irgendwie aus der Masse hervorstechendem Weinrot hängen – und wie bereits die optische Aufmachung hebt sich auch der Inhalt von Delirium deutlich von seinen literarischen Mitstreitern ab. Lauren Oliver bietet mehr als die üblichen Standards dieses Genres und fährt stattdessen nicht nur mit einer innovativen Idee auf, sondern verbindet diese auch noch mit überzeugenden Charakteren, einer trotz des Grundthemas eher zurückhaltenden Liebesgeschichte, bildhaften und nachvollziehbaren Beschreibungen sowie einem angenehm leichten Sprachstil, der das Lesen einfach zu einem kurzweiligen, aber auch spannenden Vergnügen macht. Natürlich bedient sie sich dabei auch der einen oder anderen bereits erfolgreichen Komponente, bleibt jedoch ihrem eigenen Stil treu und schafft es genau dadurch, besondere Überzeugungsarbeit zu leisten.

Unheimlich authentisch dargestellte Charaktere lassen die Geschichte lebendig werden, Lenas langsames Aufwachen wird nachvollziehbar von Hana und Alex begleitet, ohne dabei zu sehr in den Vorder- oder Hintergrund zu geraten. Lauren Oliver hat ein gutes Händchen dafür, wichtige Szenen ins rechte Licht zu setzen, ohne dabei die notwendigen Überbrückungen zwischen diesen zu sehr ausarten zu lassen oder zu trocken zu gestalten. Obwohl es tatsächlich einige Längen gibt, hat der Leser trotzdem über das gesamte Buch hinweg das Gefühl, förmlich über die Seiten zu fliegen – ruhige Momente und actionreiche Szenen liefern ein gesundes Gleichgewicht, sodass es einfach Spaß macht, weiterzulesen.
Und dieses Konzept zieht die Autorin bis zum bitteren Ende durch, wo den Leser ein echt fieser, aber auch gut gewählter Cliffhanger erwartet, der die quälend lange Wartezeit auf den Folgeband unermesslich erscheinen lässt. Bis November 2012 müssen sich die gerade Angefütterten noch gedulden, denn dann wird mit Pandemonium der zweite Band der Trilogie erscheinen. Doch auch hier haben sich Autorin und Verlag eine wunderbare Sache einfallen lassen: Mit Hana erschien bereits ein eBook, in dem ein kleiner Teil aus Delirium aus der Sicht von Lenas bester Freundin geschildert wird – ein Charakter, der definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient hat.


Fazit:

Mit ihrem Trilogie-Auftakt bietet Lauren Oliver den Dystopie-Anhängern eine wahre Perle unter den zahlreichen Jugend-Dystopien. Delirium liefert neben den typischen Komponenten eine wunderbar erfrischende Idee und auf Anhieb liebenswerte Charaktere, verbindet verständlichen Sprachstil mit versteckten Wortspielen und schenkt dem Leser durch beinahe unauffällige Details immer wieder tolle Überraschungsmomente. Ein echtes Muss für jeden Dystopie-Fan und hoffentlich nicht der letzte Auftakt-Band der Autorin!




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