Geiger (Gustaf Skördeman)

Geiger (Gustaf Skördeman)

Klappentext:

Das Festnetz-Telefon klingelt, als sie am Fenster steht und ihren Enkelkindern zum Abschied winkt. Agneta hebt den Hörer ab. „Geiger“, sagt jemand und legt auf. Agneta weiß, was das bedeutet. Sie geht zu dem Versteck, entnimmt eine Waffe mit Schalldämpfer und tritt an ihren Mann heran, der im Wohnzimmer sitzt und Musik hört. Sie setzt den Lauf an seine Schläfe – und drückt ab.

Als Kommissarin Sara Nowak von diesem kaltblütigen Mord hört, ist sie alarmiert. Sie kennt die Familie seit ihrer Kindheit …


Rezension:

Bis Sara Nowak dreizehn Jahre alt ist, lebte sie mit ihrer Mutter auf dem Anwesen der Familie Bomann. Entsprechend erschüttert ist sie, als sie hört, dass Stellan Bomann kaltblütig in seinem Wohnzimmer erschossen wurde und von seiner Frau Agneta jede Spur fehlt. Obwohl sie mit ihrer eigenen Arbeit als Kommissarin bei der Sitte mehr als genug zu tun hat und jede Nacht schreckliche Dinge sieht, fährt sie zum Tatort und beginnt mit eigenen Ermittlungen. Sara glaubt nicht an einen missglückten Überfall, wie das eigentliche Ermittlungsteam, und findet, sie ist es Onkel Stellan und vor allem ihren Kindheitsfreundinnen schuldig, die Wahrheit herauszufinden – nicht ahnend, wie weit sie dafür in die Vergangenheit gezogen wird und welche umfassenden Machenschaften sie dabei aufdecken wird.

Rein gar nichts an der Covergestaltung lässt den Leser erahnen, worauf er sich mit dieser Lektüre einlässt. Alles mutet wie ein klassischer skandinavischer Thriller an, und auch der Einstieg zeichnet erst einmal eine idyllische Familienszene, bei der die Familie aus dem Fenster winkend verabschiedet wird. Das schlägt recht schnell in atemlose Spannung um, als ausgerechnet die liebevolle Großmutter Agneta zur Waffe greift, ihren nichts ahnenden Ehemann hinterrücks in den Kopf schießt und anschließend spurlos verschwindet. Gustaf Skördeman ist der Beginn seines Thriller-Debüts überaus gut gelungen, schnell nimmt er den Leser bereits auf den ersten Seiten gefangen und kann eine mitreißende Atmosphäre aufbauen. Man merkt dem Aufbau an, dass Skördeman sich eigentlich eher als Filmemacher eignet, denn seine Geschichte ist umfassend und spielt mit verschiedenen Erzählperspektiven, die die Lektüre zumindest in Teilen angenehm abwechslungsreich machen.

Leider bringt die sich bald darauf abzeichnende Polit-Thematik im weiteren Verlauf einige Längen mit sich, sodass klassische Thriller-Leser hier einen langen Atem beweisen müssen. Zwar ist es interessant, die Verstrickungen des neutralen Schwedens in der Geschichte des geteilten Deutschlands nach und nach aufzudecken, doch genau dieser Punkt sorgt aufgrund langwieriger Beschreibungen und Informationsabhandlungen zur DDR und dem Kalten Krieg für streckenweise langatmige Unterhaltung. Dies erwartet man sicherlich von einem Polit-Thriller, als solcher wird Geiger allerdings nicht vermarktet. Möglicherweise wird deshalb die falsche Zielgruppe angesprochen und die geneigte Leserschaft eher enttäuscht.

Auch die Charaktergestaltung bringt nur wenig Atempausen mit sich, denn Sara Nowak verliert sich oft in allzu privaten Gedanken um ihre eigene Familie und erlaubt dem Leser auch Einblicke in ihre eigentliche Arbeit als Kommissarin bei der Sitte in Stockholm. Sie hat eindeutig Probleme mit ihrer Aggressionsbewältigung und nicht immer ist ihr Handeln nachvollziehbar, auch nicht ihrem Mann und ihren beiden Kindern oder ihrer Mutter gegenüber. Sie bleibt die meiste Zeit unnahbar und so manches Kapitel wirkt eher wie eine andauernde Therapiestunde, die vom eigentlichen Geschehen ablenken soll. Erst sehr spät laufen die vielen lose wirkenden Fäden zusammen und ergeben ein schlüssiges Bild, zu diesem Zeitpunkt stürzen die Wendungen allerdings so sehr übereinander, dass dem Leser der Kopf schwirrt und man es kaum schafft, die einzelnen Informationen wirklich zu verarbeiten. Auch Agneta, die als eigentliche Antagonistin durchaus punkten kann, auch wenn sie im Verlauf der Geschichte bei vielen Lesern wohl immer mehr Sympathiepunkte verliert, lüftet ihre Geheimisse erst recht spät. Andererseits macht genau das auch ihren Charakter aus, und zwischendurch schafft sie es als nahezu einzige, dem Leser auch mal das eine oder andere Lächeln zu entlocken.

Gustaf Skördeman legt außerdem scheinbar großen Wert darauf, dem Leser Stockholm näher zu bringen – die vielen Straßennamen verwirren aber nur zusätzlich und spielen im Grunde auch keine wirkliche Rolle, wenn man nicht selbst schon mal in Stockholm war und die Gegend kennt. So allerdings wirkt das Straßenverzeichnis größtenteils eher seiten- und lückenfüllend, ohne den Plot wirklich voranzubringen. Insgesamt ist Geiger definitiv kein schlechtes Buch, auf jeden Fall aber eines, das ein hohes Maß an Konzentration und Aufmerksamkeit beim Lesen fordert. An den Hintergründen und Machtspielchen des Kalten Krieges Interessierte dürften hier voll auf ihre Kosten kommen, klassische Thriller-Leser sollten sich wahrscheinlich besser anderweitig umsehen. Oder den Zeh einfach mal in unbekannte Gewässer tunken, denn dieser Ausflug lohnt sich mit ausreichend Durchhaltevermögen durchaus.


Fazit:

Gustaf Skördeman macht es dem Leser wahrlich nicht leicht – wer hier, wie angekündigt, einen klassischen Thriller erwartet, muss sich auf eine Enttäuschung gefasst machen. Nach einem starken Beginn bringt Geiger über den weiteren Verlauf viele Längen mit sich, bis sich auf den letzten fünfzig Seiten die Ereignisse überschlagen und man das Gefühl hat, der Kopf könnte aufgrund all der Wendungen jeden Moment explodieren. Ein reichhaltiger Polit-Thriller für alle, die mehr über die geheimen Verwicklungen von DDR, Stasi und sowohl innen- als auch außenpolitischen Terrorismus erfahren möchten – und denen die Erwähnung von sehr vielen Straßennamen nichts ausmachen.


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