Grotesque (Page Morgan)

Grotesque (Page Morgan)

Klappentext:

Zwei Welten, ein Schicksal und eine grenzenlose Liebe

Düster und abweisend wirkt die alte Abtei, die in Paris das neue Zuhause der siebzehnjährigen Ingrid und ihrer Familie werden soll. So abweisend wie der attraktive Diener Luc, der Ingrid lieber heute als morgen wieder los wäre. Doch dann ist es ausgerechnet Luc, der Ingrid aus einer brenzligen Situation rettet. Es könnte der Beginn einer einzigartigen Liebesgeschichte sein, wäre da nicht Lucs ebenso dunkles wie magisches Geheimnis …


Rezension:

Eine alte Abtei im Paris des späten 19. Jahrhunderts soll die neue Heimat von Ingrid Waverly und ihrer Familie werden, um das junge Mädchen nach einer gesellschaftlichen Katastrophe im heimatlichen London vor weiterer Schmach zu schützen. Begeisterung kann Ingrid nicht für das alte Gemäuer aufbringen, doch ihr Bruder Grayson wird sich schon etwas dabei gedacht haben, als er es ausgewählt hat, um einen passenden Unterschlupf für seine Familie und gleichzeitig die geplante Galerie seiner Mutter zu finden. Genauso viel Begeisterung wie Ingrid für die Abtei bringt auch der verschlossene Diener Luc für seine neuen Mitbewohner auf – nämlich gar keine. Doch im Gegensatz zur restlichen Belegschaft birgt Luc ein dunkles Geheimnis, denn er ist bereits seit mehreren Jahrhunderten an die Abtei gebunden. Nach einer unverzeihlichen Verfehlung in seinem Leben als Mensch wurde er zu einem Gargoyle und steht in der Verantwortung, sämtliche Bewohner zu beschützen. Dass diese Aufgabe mit den nicht ganz einfachen Waverly-Schwestern eine besondere Herausforderung darstellt, wird schnell klar, denn eine schlimme Mordserie an jungen Frauen erschüttert Paris seit einigen Wochen und zudem ist auch noch Grayson, Ingrids Zwillingsbruder, seit ein paar Tagen spurlos verschwunden. Für Ingrid steht fest, dass sie ihn suchen und finden muss, doch sie ist sich dabei der Gefahr, in die sie sich begibt, nicht im Geringsten bewusst. Als Luc ihr in einer brenzligen Situation zur Hilfe eilt und sie in letzter Sekunde rettet, kann er seine wahre Identität nicht länger vor ihr geheim halten. Aber anstatt wie erwartet verschreckt und abgestoßen zu sein, fühlt sich das junge Mädchen auf einmal noch mehr zu dem mürrischen Diener mit dem steinernen Herzen hingezogen.

In der Dark Fantasy kann der Markt in den letzten Monaten nicht mehr viel Neues liefern – eine willkommene Abwechslung ist da der Debütroman von Page Morgan, in dem zahlreiche Elemente des Genres ihren Platz finden, ohne dabei zu sehr auf altbekannten Mustern zu beruhen. Grotesque entführt in eine düstere Welt, die sehr zur Freude des Lesers komplett ohne Vampire und Werwölfe auskommt. Stattdessen spielen Gargoyles – bislang nur als steinerne Skulpturen auf alten Gemäuern gesehen – eine große Rolle, aber auch Dämonen und zum Teil gefallene Engel bekommen ihre Chance, den Leser zu unterhalten. Wie das alles tatsächlich zusammenpasst, lässt sich nur schwer beschreiben, ohne der Geschichte schon zu viel vorweg zu nehmen. Hier kann man daher nur zu einem raten: Das Buch selbst zu lesen und sich in die düstere Atmosphäre fallen zu lassen. Natürlich sind bestimmte Komponenten unausweichlich, wie zum Beispiel verschiedene, für diese Zeit nicht standesgemäße aufkeimende Beziehungen, die sich sehr schnell herauskristallisieren, auch wenn sich Page Morgan große Mühe gibt, sie zu verschleiern. Dabei sind allerdings die Charaktere nicht unbedingt stereotypisch, obwohl gerade Gabby ihre Rolle als aufmüpfige, unnachgiebige kleine Schwester sehr gut spielt. Das Hauptaugenmerk liegt deutlich auf Ingrid und Luc, ohne dass sie sich dabei in den Vordergrund drängen, denn auch andere Gargoyles kommen zum Einsatz und erfreuen den Leser in ihrer Einzigartigkeit. Auch weitere Nebenrollen können durchaus glänzen, und man erkennt hier durchaus großes Potential bei der Autorin, sodass man wohl auf weitere Bücher hoffen darf. Dies lässt auch das sehr offen gehaltene Ende vermuten, denn Grotesque kann sich zwar als Standalone behaupten, doch der Spielraum lässt einige Vermutungen darüber zu, wie es noch weitergehen könnte.

Was den Sprachstil angeht, orientiert sich Page Morgan recht geschickt an der damaligen Zeit, kann jedoch durch einige Schnitzer nicht zu hundert Prozent verschleiern, dass sie sich nicht wirklich in dieser Zeit bewegt. Denn man darf großen Zweifel daran hegen, dass die damalige Gesellschaft tatsächlich Begrifflichkeiten wie „Flirten“ kannte und in den Mund genommen hat. Doch auch diese kleinen Schwachstellen können das Lesevergnügen nicht schmälern – die Autorin gewinnt gerade durch die düstere Darstellung des damaligen Paris unglaublich viele Pluspunkte. Obwohl es gefährlich ist, macht es auch viel Spaß, gemeinsam mit Ingrid, Gabby und ihren Verbündeten durch die nächtlichen Straßen der französischen Hauptstadt zu ziehen, auf der Suche nach Grayson und Hinweisen auf seinen Verbleib. Interessant gestaltet ist auch die Eigenschaft der Gargoyles, dass sie ihre Schützlinge durch Witterung aufspüren können und ihre Ängste wie am eigenen Körper miterleben. Diese Tatsache macht das Leseerlebnis gleich noch ein ganzes Stück intensiver. Auch amüsante Szenen bleiben nicht aus, sodass die Mischung aus Düsternis und Humor gerade richtig gelungen ist und für eine ausgewogene Unterhaltung sorgen kann. Dass die knapp 460 Seiten lediglich eine knappe Woche Geschehen widerspiegeln, ist ein weiteres Indiz für die Dichte, mit der Page Morgan ihre Geschichte erzählt. Mit Sicherheit bleibt es nicht bei diesem einen Roman und schon jetzt freut man sich auf die Fortsetzung, auch wenn gar nicht sicher ist, ob es eine solche überhaupt geben wird.


Fazit:

In der Atmosphäre von Paris Ende des 19. Jahrhunderts entführt Page Morgan den Leser in eine Welt von Gargoyles, Dämonen, gefallenen Engeln und Normalsterblichen. Grotesque ist eine gelungene Mischung verschiedener Dark Fantasy-Elemente, die trotz einiger Schwächen für ein düsteres Lesevergnügen sorgt und durch ein recht offen gehaltenes Ende die Hoffnung auf baldige Fortsetzung weckt. Endlich mal wieder ein Genre-Treffer, in dem es nicht um glitzernde Vampire und Konsorten geht – kein unbedingtes Lesemuss, aber sehr vielversprechend und den einen oder anderen genaueren Blick definitiv wert.



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eine Kommentar
  1. Ui, wieder neues Futter für die WuLi! Das klingt ja wirklich toll. Danke für den Tipp. Gargoyles sind doch definitiv mal was anderes :)

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