Mucksmäuschentot (Gordon Reece)

Mucksmäuschentot (Gordon Reece)

Über das Buch:

Bis der Faden reißt

»›Shelley, Liebes, du brauchst keine Angst zu haben. Er will nur Geld. Wenn wir tun, was er sagt, lässt er uns in Ruhe und geht wieder.‹
Ich glaubte ihr nicht. Ihre zitternden Hände und ihre Stimme verrieten mir, dass sie es selbst nicht glaubte. Wenn eine Katze ins Mauseloch eindringt, lässt sie die Mäuse nicht ungeschoren davonkommen. Ich wusste, wie die Geschichte enden würde.«

Shelley und ihre Mutter waren zu lange einfach zu nett. Klassische Opfer, die sich nach massivem Mobbing wie Mäuse fühlen. Sie verkriechen sich in einem abgelegenen Haus auf dem Land, um ihre Probleme hinter sich zu lassen. Sie sind glücklich in ihrer kleinen Welt mit Büchern, Musik und häuslichen Ritualen. Doch eines Nachts werden sie in ihrem neu gefundenen Frieden bedroht: Ein Mann dringt in ihr Haus ein. Und bei Shelley reißt der Faden. Was dann passiert, zerstört alle Gewissheiten.


Rezension:

Das wirkliche Leben war das absolute Gegenteil von Ordnung und Schönheit; es war Chaos und Leid, Grausamkeit und Schrecken.
(Seite 100)

Shelley und ihre Mutter leben nach der Trennung vom männlichen Teil der Familie zurückgezogen auf dem Land, zufrieden mit ihrer Einsamkeit inmitten ihrer Bücher und Musik. Dort in ihrem abgelegenen Haus fühlen sie sich wohl, sind unter sich und können vom Alltagsstress abschalten – denn während ihre Mutter extrem unter ihrem cholerischen Chef zu leiden hat, wird Shelley in der Schule bis aufs Blut von ihren ehemals besten Freundinnen gemobbt. Beide lassen sich die Schmach stillschweigend und ohne Beschwerden gefallen, was sogar so weit geht, dass Shelley nach einem Krankenhausaufenthalt Zuhause unterrichtet werden muss, um ihren Abschluss ohne Probleme zu schaffen. Doch als in der Nacht auf Shelleys Geburtstag jemand in ihr Haus eindringt, brennen bei beiden Frauen einige Sicherungen durch – zum ersten Mal in ihrem Leben wehren sie sich gegen ihre Peiniger. Und das hat Konsequenzen … Konsequenzen, die niemand vorausgeahnt hätte und die das Leben aller Beteiligten aufs Gröbste verändern werden.

Wenn aus Opfern Täter werden … Gordon Reece hat ein interessantes Hintergrundthema für seinen ersten Jugendthriller gewählt und dieses zumindest in Bruchteilen auch recht geschickt umgesetzt. Obwohl sich der Autor vielen Klischees bedient, wird der Leser von der Geschichte um Shelley gefangen genommen. Das liegt vor allem daran, dass die Darstellungen der Mobbingattacken auf das junge Mädchen in ihren Einzelheiten sehr detailiert beschrieben werden und man als Leser fast das Gefühl bekommt, man stünde direkt daneben. Diese Szenen sind in ihrer Gewaltbereitschaft nahezu faszinierend, nur selten findet man diese Art der Brutalität in Jugendliteratur wieder. Hier wagt sich Gordon Reece auf dünnes Eis, schafft es jedoch, sich über Wasser zu halten und die Situation authentisch darzustellen.

Auch wenn hauptsächlich Shelleys Hintergrundgeschichte erzählt wird, erfährt der Leser auch viel über Shelleys Mutter, die ihrer Tochter quasi vorlebt, dass man viele Dinge im Leben einfach schlucken muss und keine Energie darin investiert, sich zu wehren. Sie wurde vom Vater ihrer Tochter für seine jüngere Sekretärin verlassen und hat wahrscheinlich spätestens mit diesem Verlust alle Hoffnung verloren – sie verkommt im Büro zur persönlichen Sklavin ihres Chefs, macht haufenweise unbezahlte Überstunden und wird auch von den Kolleginnen mit immer mehr Arbeit überhäuft. Dass Shelley sich daher nicht traut, mit ihrer Mutter über ihre Mobbingprobleme zu sprechen, ist deshalb zumindest teilweise nachzuvollziehen, wenn auch man sich als Leser öfter fragt, ob die Mutter nicht aus ihren persönlichen Erfahrungen gelernt hat und ihrer Tochter etwas anderes fürs Leben wünscht.

Leider haben sich zwischen die spannenden Szenen zahlreiche langatmige Pausen eingeschlichen, die das Buch zeitweilig sehr zäh gestalten. In diesen Phasen ist nicht so klar erkennbar, dass es sich bei Mucksmäuschentot tatsächlich um einen Thriller, also Spannungsliteratur handelt. Während über die Klischees anfangs noch hinweggesehen werden kann, entwickeln sie sich im Laufe des Lesens zu einem Augen-verdreh-Automatismus, weil vieles vorhersehbar wird. Auch die etwas ungeschickt eingebundene versuchte Liebesgeschichte fällt eindeutig unter die Kategorie „besser nicht“, weil es nichts Halbes und nichts Ganzes ist. Insgesamt bleibt der Roman daher trotz einiger aufreibender Passagen eher durchschnittlich – kein durchgehender Thriller, der unter die haut geht und im Gedächtnis bleibt, aber durchaus ein kleines unterhaltsames Schmankerl für die leichte Unterhaltung zwischendurch.


Fazit:

Mucksmäuschentot ist ein Zeugnis dafür, wie schmal der Grat zwischen Opfer- und Täter-Sein tatsächlich sein kann und wie wenig es im Grunde braucht, um ein Ausrasten hervorzurufen. Sieht man von den teilweise extrem gewalttätigen und dadurch tiefgehenden Szenen ab, schafft Gordon Reece es mit seinem ersten Jugendthriller nicht unbedingt, in den Köpfen der Leser zu bleiben. Ein eher oberflächlich gehaltener und insgesamt durchschnittlicher Roman zur entspannten Unterhaltung.


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