Der Gottbettler (Michael M. Thurner)

Der Gottbettler (Michael M. Thurner)

Klappentext:

Er überzieht die Welt mit Krieg, um ihr den Frieden zu bringen

Während die kräuterkundige Terca jeden Tag erneut einen Grund braucht, sich nicht umzubringen, sucht der Krieger Rudynar Pole das Vergessen im Alkohol. Doch der junge Magier Pirmen benötigt sie beide. Denn nur mit ihrer Hilfe kann er die schreckliche Horde des Gottbettlers aufhalten, die eine Stadt nach der anderen erobert und kurz davor ist, die ganze Welt zu beherrschen. Pirmen weiß, dass diese Aufgabe eigentlich unmöglich zu erfüllen ist. Aber nur wenn er Erfolg hat, kann er vielleicht auch seine eigenen Dämonen überwinden.

Düster, hart und sehr realistisch.


Rezension:

Terca ist die ungekrönte Herrin der Stadt unter der Stadt. Sie ist weithin bekannt für ihre vielschichtige Arbeit und muss sich eigentlich vor niemandem wirklich verstecken, obwohl sie auch zahlreiche Feinde hat. Trotzdem sucht sie jeden Tag die sogenannte Wand an den Klippen auf, auf der Suche nach einer Nachricht von der erlösenden Dunkelheit. Wie viele andere Menschen sehnt sie sich nach dem Tod, doch die Wand lässt niemanden einfach so sterben, und für niemanden dort ist es leicht, sich tatsächlich in die Tiefe fallen und von den Klippen zerschmettern zu lassen. Jeden Tag verlässt sie diesen Ort aufs Neue unverrichteter Dinge, denn auch wenn sie es nicht ahnt, hat sie noch eine wichtige Aufgabe vor sich.
Der ehemalige Krieger Rudynar Pole dagegen ist dem Tod weitaus näher, als er sich jemals träumen ließ. Aus dem einst erfolgreichen und angesehenen Heerführer des Gottbettlers ist ein armseliger, dem Alkohol verschriebener Taugenichts geworden. Auf der Straße gelandet schleppt er sich von einer Kneipe in die nächste, in der Hoffnung auf ein paar warme und trockene Augenblicke und vielleicht sogar einen Schluck vom billigsten Schnaps, der angeboten wird. Nicht selten wird er rausgeworfen, doch eines Abends verlässt er die Schenke nicht unbeobachtet.
Denn der Magier Pirmen war schon seit langer Zeit auf der Suche nach Rudynar, weil er ihn für einen wichtigen Auftrag anwerben will bzw. muss. Er ist auf der Suche nach dem Stummen Jungen, den zu finden er von seinem Meister angewiesen wurde. Zu welchem Zweck dieser Junge dienen soll, entzieht sich aber seiner Kenntnis, doch Pirmen ist festentschlossen, ihn zu finden und damit seinen eigenen Status in der Magierhierarchie endlich zu festigen und zu verbessern. Dass er hierfür zu gleichen Teilen auf die Hilfe von Terca und Rudynar angewiesen ist, macht die Sache natürlich nicht einfacher – und sie müssen dafür in die Tiefen des vom Gottbettler eingenommenen Reiches vordringen. Ohne dass sie dabei auf sein Heer treffen und ihr Leben zu früh verlieren.

Highfantasy ist so eine Sache für sich. Die Geschichten laufen immer nach einem ganz klassischen Schema ab – ein Held macht sich auf einen nicht ganz einfachen Weg, die Welt zu retten, muss sich dabei so einigen unüberwindbar erscheinenden Schwierigkeiten stellen, es kommt zur großen Schlacht gegen den Endgegner und am Ende verläuft alles wieder in geregelten Bahnen. Michael M. Thurner versucht es auf einem anderen Weg – in Der Gottbettler gibt es keinen klassischen Helden, keine klassische Geschichte und schon gar kein klassisches Ende. Die Charaktere sind versifft und alles andere als glänzende Heldengestalten, jeder andere Autor hätte jeden einzelnen von ihnen wahrscheinlich eher zu einem Bösewicht oder zumindest einem fiesen Gegenspieler für den wichtigen Haupthelden gemacht. Nicht so Thurner, für ihn scheinen seine Protagonisten das perfekte Ebenbild vom unperfekten Held zu sein, eben weil sie nicht perfekt sind und erst im Zusammenspiel die gestellte Aufgabe erfüllen können. Aber genau das macht die eigentlich eher wenig liebenswerten Charaktere so unglaublich sympathisch. Sie sind verdreckt und verkommen, hässlich und ungehobelt, stinken bis zum Himmel und verhalten sich ziemlich rüpelhaft und rücksichtslos. Und doch kann der Leser nicht anders, als sich vollends auf sie einzulassen und sich mit ihnen auf die Suche nach dem Stummen Jungen zu machen. Dass es hierbei immer wieder zu Schwierigkeiten, auch untereinander, kommt, ist förmlich vorprogrammiert und macht einen großen Anteil an der Unterhaltung aus. Es ist amüsant, den einzelnen Schlagabtauschen zu folgen und nie sicher sein zu können, welcher Charakter dieses Mal als Sieger aus der Runde hervorgehen wird.

Dass Michael M. Thurner schreiben und Geschichten erzählen kann, stellt er hier deutlich unter Beweis, auch wenn seine Sprache dabei so manches Mal ein wenig unbeholfen scheint. Das passt allerdings ziemlich gut zur Gestaltung seiner Charaktere und gibt dem Ganzen dadurch einen authentischen Touch. Auch die Story selbst gibt einiges her, denn der Autor versteht es, unsere echte Welt in die seiner Geschichte zu weben. Zwar hat man zu keiner Zeit das Gefühl, dass man an irgendeinem bekannten Ort ist, aber man kann sich sehr gut vorstellen, die einzelnen Schauplätze irgendwo auf der Welt zu finden, wenn man nur gründlich suchen würde. Bis dahin kann man sich jedoch getrost in die Beschreibungen fallen lassen, mit denen die verschiedenen Orte dargestellt wurden, und sich an den wundersamen Wesen erfreuen, die Thurner erschaffen hat. Die meisten Charaktere sind zwar menschlicher Natur mit besonderen Fähigkeiten, doch es gibt auch zahlreiche Fantasy-Wesen. Obwohl für diese sicherlich ein Glossar hilfreich wäre, gelingt es dem Autor recht gut, ein anschauliches Bild zu vermitteln, ohne bis ins kleinste Detail Erklärungen und Beschreibungen zu liefern. Dadurch muss sich der Leser zwar ein wenig anstrengen, hat aber auch erheblichen Spielraum für seine eigene Fantasy und muss sich nicht in eine vorgefertigte Vorlage pressen.

Alles in allem ist Der Gottbettler sicherlich kein „schönes“ Buch. Die Sprache ist derb, die Charaktere sind verdorben, die Story kann manchmal verwirren und der Leser wird oftmals (heraus)gefordert. Genau diese Mischung macht den Roman allerdings auch zu etwas Besonderem, das sich deutlich von der Masse des Einheitsbreis abheben kann und dem bisweilen gelangweilten Leser endlich wieder mal etwas Neues bieten kann. Dem Leser wird hier kein klassisches Szenario geboten, obwohl natürlich auch diverse Elemente nicht fehlen dürfen – der Autor schafft eine angenehme Mischung aus Bekanntem und Unbekanntem, sodass es trotz einiger Längen niemals langweilig wird. Ein wirklich gelungener Fantasy-Titel, der hoffentlich so manches Leserherz begeistern wird.


Fazit:

Michael M. Thurner schafft mit seinem ersten serienunabhängigen Roman eine willkommene Abwechslung im Genre, das derzeit mit viel zu wenig wirklich guter heroischer Fantasy auskommen muss, bei der die Charaktere noch liebeswerte und gleichzeitig verabscheuungswürdige Ecken und Kanten haben. Mit Der Gottbettler zeigt er, dass auch in der Fantasy-Welt nichts perfekt sein muss, um für wirklich gute Unterhaltung zu sorgen. Ein Buch, das sich ohne Probleme mit der hiesigen Konkurrenz messen kann und dabei ganz weit vorne mitspielt – eine echte Empfehlung für all die, die genug vom Einheitsbrei und Lust auf etwas Neues haben!


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5 Kommentare
  1. nullnix sagt:

    Da ist sie ja endlich! :)

    Fein.

  2. Nenny sagt:

    Gerade was die Charaktere angeht, gebe ich Dir voll und ganz recht. Das Buch begeistert, bespaßt und schockiert zu gleich. Danke Dir nochmal dafür, Hübsche! (:

    • Schattenkämpferin sagt:

      Na, Herzelein, wenn ich was einigermaßen gut kann, dann Deinen Lesegeschmack einschätzen. Du liest ja fantasytechnisch fast das Gleiche wie ich, da kann ich nicht viel falsch machen. Und das Gute daran ist, dass ich für die nächsten drei, nein, vier Geburtstage auch schon was hab xD

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