Wie ein leeres Blatt (Boulet / Pénélope Bagieu)

Wie ein leeres Blatt (Boulet / Pénélope Bagieu)

Klappentext:

Pénélope Bagieu variiert in WIE EIN LEERES BLATT das klassische Thema einer Heldin mit Gedächtnisverlust auf ebenso wunderbare wie originelle Weise. Die junge Pariserin Eloise kommt eines Abends auf einer Bank zu sich und weiß nicht mehr, wer sie ist. Langsam erforscht sie ihr eigenes, leider viel zu banales Leben, in dem sie sich weder als Geheimagentin noch als Klon ihrer Selbst oder als Verbrecherin entpuppt. Ohne je herauszufinden, was ihr zugestoßen ist, ergreift sie die Chance und beginnt ihr Leben noch einmal neu – wie ein leeres Blatt.


Rezension:

Mitten in Paris wacht eine junge Frau aus einem scheinbar bewusstlosen Zustand auf. Sie sitzt auf einer Parkbank, weiß allerdings nicht mehr, wie sie heißt, wo sie wohnt oder wie sie an diesen Ort gekommen ist. Völlig erinnerungslos beginnt sie, panisch ihre Sachen zu durchsuchen, um irgendeinen Hinweis auf ihre Identität zu finden, und tatsächlich erfährt sie ihren Namen und ihre Adresse. Beides sagt ihr nichts, aber nach einigen ins Leere führenden Überlegungen, wie sie auf dieser Parkbank gelandet ist, macht sie sich schließlich auf den Weg. Dort angekommen regt sich jedoch auch nichts in ihren Erinnerungen – die Wohnung ist ihr völlig fremd und auch an ihre Katze kann sie sich nicht erinnern. Und so macht sie sich Stück für Stück auf die Suche und versucht herauszufinden, wer sie ist. Mit den Nerven völlig am Ende fällt sie schließlich in den Schlaf, in der Hoffnung, mit einem intakten Gedächtnis aufzuwachen. Aufgrund eines aufgelösten Anrufs findet sie am nächsten Morgen heraus, dass sie in einer Buchhandlung arbeitet und mit einigen ihrer dortigen Kollegen befreundet ist. Allerdings stellt sie schnell fest, dass sie mit diesen Freunden überhaupt nichts gemeinsam hat, ähnliche Interessen und eine unterstützende Hilfe findet sie eher in der Außenseiterin der Belegschaft. Noch immer kann sie sich an nichts erinnern, nach und nach fallen ihr allerdings verschiedene Szenarien ein, wie sie zu dem Ort gelangt ist, an dem sie ohne ihre Erinnerungen aufgewacht ist. Doch keine der aufregenden, aber auch abwegigen Ideen passt. Eloise durchstöbert ihren Kleiderschrank, das Bücherregal, die DVD-Sammlung, aber nichts davon gibt ihr Aufschluss, denn all das ist einfach nur durchschnittlich. Vielmehr stellt sie fest, dass ihr bisheriges Leben – das, welches sie vergessen hat – völlig belanglos und langweilig war und sie selbst eine völlig stereotypische Persönlichkeit ohne wirklich markante Eigenschaften oder Geschmäcker. Deshalb beschließt sie irgendwann, einen ganz radikalen Schnitt zu machen und die Chance sinnvoll zu nutzen, um ihr neues Leben aufregender und bedeutungsvoller zu gestalten.

Ohne Erinnerungen aufzuwachen und im Zuge der Suche nach seiner eigenen Identität dann festzustellen, dass das eigene Leben im Grunde nichts weiter ist als eine Aneinanderreihung von stereotypen Anpassungen an die Umwelt ist, dürfte ziemlich erschütternd und ernüchternd sein. Gleichzeitig ist es aber auch die perfekte Chance auf Veränderung, wie Pénélope Bagieu in Wie ein leeres Blatt sehr eindrucksvoll zu zeigen versteht. In ihren Zeichnungen, die auf den ersten Blick vor allem farbenfroh und teilweise auch ein wenig unbeholfen und naiv wirken, sind zahlreiche kleine Details versteckt, die sich nur den wirklich aufmerksamen Betrachtern offenbaren. Es wird viel mit nicht offensichtlichen Kleinigkeiten gearbeitet, die aus der anfänglich eher blassen Eloise nach und nach eine immer vielschichtigere Protagonistin machen, sodass die junge Frau dem Leser mit jedem Bild mehr ans Herz wächst. Gemeinsam mit ihr macht man sich auf die Suche nach der Wahrheit und hofft dabei unterschwellig die ganze Zeit, dass sie am Ende genau das herausfindet, was sie sich selbst erhofft. Dass das nicht der Fall ist, ist allerdings dann keine Enttäuschung, sondern vielmehr eine Art Weckruf und Hinweis, dass man aus dem eigenen Leben zu jedem Zeitpunkt mehr machen kann, als es den Anschein hat. Der Schauplatz Paris spielt dabei nur eine kleine Rolle, doch die französische Atmosphäre kommt trotzdem auf jede Seite durch und verleiht der Geschichte dabei einen ungewollt romantischen Touch. Die Geschichte selbst ist dabei jedoch keineswegs im romantischen Bereich angesiedelt, auch wenn Eloise in einer ihrer Grübeleien auch ein paar Gedanken der großen Liebe und einen damit verbundenen Streit, nach welchem sie ihr Gedächtnis verloren hat, widmet. Tatsächlich wirkt die Suche nach der Wahrheit eher wie ein sanfter Thriller, der mit Spannung und Charme davon erzählt, wie Eloise Schritt für Schritt versucht, mehr über sich und ihr Leben herauszufinden. Dabei kommt es auch so manches Mal zu Momenten, in denen der Leser gar nicht anders kann als zu schmunzeln, wodurch dem ernsten Thema ein wenig von seiner Schwere genommen wird.

Passende Texte zu den einnehmenden Bildern liefert Boulet, die jedoch zu keinem Zeitpunkt von diesen ablenken. Vielmehr entsteht hier ein wunderbares Zusammenspiel aus beiden Komponenten, wodurch die Geschichte noch mehr Gewicht gewinnt und den Leser oft mehrfach zurückblättern und bestimmte Szenen noch einmal genauer betrachten lässt. Gerade die Kürze der Texte bringt die Aussage von Wie ein leeres Blatt genau auf den Punkt, ohne dass viel drumherum geredet wird. Einfach gehalten, aber stichhaltig bekommen Eloise und ihre Mitstreiter, darunter auch ihre zauberhafte Katze, genau die richtigen Worte in den Mund gelegt. Im dadurch dargestellten Denken wird schnell deutlich, dass Eloise eigentlich gar nicht so durchschnittlich ist, wie es die Beweise aus ihrem alten Leben weismachen wollen. Es zeigt sich, dass die junge Frau durchaus mehr Charakter besitzt, als sie selbst vermutet, und dass sie ihr altes Leben immer weniger leiden kann, je mehr sie davon ans Tageslicht holt, macht dem Leser klar, dass es immer an einem selbst ist, seine Einzigartigkeit auch in die Welt zu tragen. Und dass es manchmal nur einen kleinen Schritt braucht, um etwas zu verändern. Mit ihrer gemeinsamen Graphic Novel Wie ein leeres Blatt können Pénélope Bagieu und Boulet also nicht nur unterhalten, sondern wecken im Leser auch so manchen Gedankengang, der noch lange nach dem Lesen nachhallt. Eine wirklich gelungene Zusammenarbeit, die Spaß und nachdenklich macht, ohne dabei zu schwer auf dem Leser zu lasten.


Fazit:

Wie ein leeres Blatt ist eine wunderbare, unterhaltsame und amüsante, aber auch tiefgründige und ernsthafte Graphic Novel, die in der Zusammenarbeit zweier Blogger entstanden ist. Das Worttalent Boulet setzt die gezeichnete Geschichte von Pénélope Bagieu in eine passende Sprache um und bietet dem Leser dadurch ein Lesevergnügen, das erst auf den zweiten Blick seine echte Tiefe offenbart. Kurz gehaltene Texte bringen den Inhalt sprachlich auf den Punkt, ohne dabei von den vielschichtigen Zeichnungen abzulenken, die nicht immer ganz sauber sind, jedoch gerade dadurch die Geschichte auch optisch widerspiegeln. Ein guter Einstieg für diejenigen, die neu im Comic-Bereich sind, und eine Empfehlung für alle, die manchmal das Gefühl haben, mehr aus ihrem Leben holen zu wollen.


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