Ich bin Tess (Lottie Moggach)

Ich bin Tess (Lottie Moggach)

Klappentext:

Würdest du dein Leben aufgeben, um das eines anderen zu übernehmen?

Leila hat Tess nie zuvor getroffen.
Doch sie weiß mehr über sie als irgendjemand sonst.

Tess hat Leila nie zuvor getroffen.
Doch wenn sie unbemerkt aus der Welt scheiden will, muss sie Leila ihr Leben anvertrauen.

Zu Beginn ist es leicht für Leila, sich online als Tess auszugeben.
Niemand durchschaut ihr Spiel.
Doch wie lange lässt sich eine solche Lüge aufrechterhalten?


Rezension:

Die Menschen interessierten sich vor allem für sich selbst und kümmerten sich nicht groß um andere, nicht einmal um ihre engsten Freunde.
(Seite 129)

Leila führt ein einsames und von der Außenwelt größtenteils abgeschnittenes Leben. Sie versorgt und pflegt ihre an Multipler Sklerose erkrankte Mutter bis zum Tod und verbringt den Rest ihrer Zeit mit einem Job, den sie von Zuhause aus ausüben kann, beim Zocken eines bekannten Online-Rollenspiels und in einigen ausgewählten Foren. Auf der Seite Red Pill findet sie sich in vielen Diskussionen wieder, bei denen sie ihre ausgefeilten Meinungen vertritt und oft auf Zustimmung und Anerkennung stößt. Eines Tages tritt der Seiteninhaber Adrian an sie heran und lädt sie in den erlauchten Kreis eines internen, nur wenigen Usern vorbehaltenen Forums ein. Schnell findet Leila auch hier Anschluss und bald eine engere Bindung zu Adrian. Als er ihr einen besonderen Vorschlag macht, bei dem sie online die Rolle einer sich nach dem Freitod sehnenden Frau übernehmen soll, ist Leila zunächst skeptisch. Doch nach reiflicher Überlegung und dem genaueren Beleuchten der Sache von allen Seiten willigt sie schließlich ein und lernt so Tess kennen.
Tess spielt schon seit mehreren Jahren mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen, doch sie möchte es für ihre Familie und Freunde nicht zu schwer machen – und hier kommt Leila ins Spiel. Sie soll nach Tess‘ Ableben für ein halbes Jahr ihre Online-Identität annehmen und den Kontakt zu allen aufrecht erhalten, bis er sich schließlich wie von allein im Sande verläuft. Tess erhofft sich davon, dass sie irgendwann in Vergessenheit gerät und ihr Tod am Ende nicht mehr allzu große Wunden reißt.
Monatelang planen und besprechen Tess und Leila auf diese Identitätsübernahme, erst per Mail, später per Chat und zum Ende hin schaltet Tess bei den Gesprächen auch die Webcam ein. Leila macht sich gewissenhaft Notizen, erstellt Zeitleisten und Diagramme, hinterfragt jedes noch so kleine Detail und wähnt sich, als Tess schließlich „auscheckt“, ausreichend vorbereitet. Und die Sache entwickelt sich fast zu einem Selbstläufer, in den Leila immer mehr von sich selbst einfließen lässt. Doch wie lange kann die Scharade tatsächlich aufrechterhalten werden? Irgendwann beginnt Leila, sich Gedanken über den Verbleib von Tess‘ Leiche zu machen, und schließlich begibt sie sich auf die Reise, um herauszufinden, wie Tess ihre letzten lebendigen Tage tatsächlich verbracht hat …

Wir wissen nur, was wir wahrnehmen, und das ist alles, was wir je wissen werden.
(Seite 29)

Wie gut kennen wir die Menschen, denen wir online begegnen, und wer steckt wirklich hinter den Worten, die wir tagtäglich auf Facebook mit anderen austauschen? Lottie Moggach greift genau dieses Thema in ihrem Debütroman, der bereits von vielen Stimmen zahlreiches Lob erhalten hat, auf. Sie lässt dabei ihre eigene Zeit als Dauer-Facebook-Nutzerin einfließen und zeigt einige typische Punkte dieser Plattform auf, die dem Leser so manches Schmunzeln entlocken. In einer Kommune in Spanien beginnt Leila, ihre Geschichte mit Tess aufzuschreiben und rückblickend für sich selbst zu reflektieren. Für den Leser ist das in zweifacher Hinsicht spannend, da es sich ein wenig wie ein Tagebuch anfühlt, das einerseits in der Vergangenheit spielt, andererseits aber auch ihre aktuelle Situation widerspiegelt. Dass die Story dabei sehr ins Detail geht, ist stellenweise etwas langatmig, doch diese Momente, in denen man sich durch das Buch kämpfen muss, werden am Ende entlohnt. Man lernt die einzelnen Charaktere nicht wirklich kennen, denn wie auch für die Protagonistin selbst vermischen sich irgendwann auch für den Leser die beiden Persönlichkeiten „Leila“ und „Tess“ und verschmelzen fast zu einer Person. Dennoch bekommt man ein gutes Gefühl für die einzelnen Komponenten, die das Onlineleben ausmachen und die natürlich einen bedeutenden Anteil an der Geschichte haben.

Ich bin Tess erzählt die Geschichte von zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten – Tess ist eigentlich ein Lebemensch, gutaussehend, oft auf Party, mit zahlreichen Freunden und Bekannten, online sehr extrovertiert. Leila hingegen ist eine Eigenbrötlerin, hatte schon immer Probleme bei zwischenmenschlichen Beziehungen, ist wenig draußen und viel online, dabei aber eher verhalten – es sei denn, es geht um etwas für sie wichtig Erscheinendes. Während Tess seit Jahren Selbstmordgedanken hat und diverse fachkundige Diagnosen gestellt bekommen hat, hängt Leila irgendwie an ihrem Leben, obwohl es ihr augenscheinlich nicht viel bietet. Doch sie ist zufrieden und die Herausforderung, online eine andere, echte Identität anzunehmen, erscheint ihr sehr reizvoll. Von einem inneren Konflikt wegen der Lüge, die sie so vielen Menschen auftischt und über Monate aufrecht erhalten soll, merkt man als Leser nicht offensichtlich viel, die meisten Eindrücke werden von der Autorin eher unterschwellig eingeflochten, sodass sich die einzelnen Fäden erst im Verlauf der Geschichte zusammen finden. Was zur Folge hat, dass der Roman manchmal ein wenig zäh zu lesen ist, man manche Passagen mehrfach lesen muss, um sie zu begreifen, und vor allem erst nach dem Lesen so mancher Groschen fällt. Genau das macht diesen Roman letztendlich auch aus – das Nachwirken und die Gedanken, die man sich selbst über seinen eigenen Internetkonsum macht.

Ein einfach zu lesendes Buch ist Ich bin Tess ganz sicher nicht und auch das Thema ist nicht unbedingt brandneu. Doch die Sichtweise, die Lottie Moggach nutzt und mit der sie dem Leser Nachdenklichkeit in den Kopf pflanzt, macht den Roman zu etwas Besonderem und in jeder Hinsicht Lesenswertem. Nicht für jeden Leser geeignet ist dieses Debüt vor allem Lesern ans Herz zu legen, die gerne einen Blick über den Tellerrand wagen möchten und bereit sind, auch an sich selbst ein wenig Kritik zu üben.


Fazit:

Im Internetzeitalter einen Facebook- und Onlinespiel-kritischen Roman zu schreiben ist ein nicht geringes Wagnis. Lottie Moggach greift genau dieses Thema auf und voll an. Ganz sicher liefert ihre eigene, inzwischen größtenteils überwundene „Sucht“ nach der Onlinewelt einen großen Teil zu diesem Buch bei und macht ihn genau dadurch sehr authentisch. Mit einem oft wiedererkennenden Schmunzeln gelesen ist Ich bin Tess durchaus unterhaltsam, lässt aber vor allem im Nachgang nachdenklich das eigene Konsumverhalten betrachten. Ein Debütroman, der von der Gefahr zeugt, sich selbst zu vergessen, und der ganz offen zeigt, dass wir niemanden wirklich kennen, den wir online treffen.


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eine Kommentar
  1. Camillex sagt:

    das klingt sehr interessant! Werde ich mir merken

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