Im freien Fall oder wie ich mich in eine Pappfigur verliebte (Jessica Park)

Im freien Fall oder wie ich mich in eine Pappfigur verliebte (Jessica Park)

Klappentext:

Eine herzzerreißende Liebesgeschichte mit feinsinnigem Humor für Leser von Jojo Moyes und John Green.

Julie kann es nicht fassen: Statt die ersten Tage am College zu genießen, beaufsichtigt sie plötzlich eine 13-Jährige, die keinen Schritt ohne die lebensgroße Pappfigur ihres Bruders Finn unternimmt. Zugegeben, ihres sehr gut aussehenden Bruders Finn. Der befindet sich zwar gerade auf Weltreise, schreibt aber E-Mails, die Julies Knie butterweich werden lassen. Doch wieso zögert er seine Rückkehr immer weiter hinaus? Weshalb stört sich niemand an seinem platt gedrückten Doppelgänger? Und verliebt Julie sich tatsächlich gerade in eine Pappfigur?


Rezension:

„Warum willst du denn keinen Freund haben?“
„Ich weiß nicht. Vielleicht will ich ja einen. Ich habe nur noch nicht den Richtigen getroffen. Jemand, der nicht so durchschnittlich ist. Jemand, der mich versteht. Jemand, zu dem ich perfekt passe. Ich will Leidenschaft und Seelenverwandtschaft. Ich will, dass die Chemie stimmt. Weißt du, was ich meine? Ich will alles. Von durchschnittlich und mittelmäßig habe ich genug.“
„Du glaubst an die wahre Liebe“, stellte Celeste fest.
„Vielleicht. Ich weiß es noch nicht.“
(Seite 93 / 94)

Die 18-jährige Julie ist gerade frisch fürs College in Boston angekommen und will ihre neue Wohnung beziehen, als sie feststellt, dass sie einer betrügerischen Internetseite auf den Leim gegangen ist und praktisch auf der Straße sitzt. Zum Glück lebt eine ehemalige Studienfreundin ihrer Mutter in der Stadt, bei der Julie auch umgehend Unterschlupf findet. Zufällig ist nämlich der älteste Sohn der Familie, Finn, gerade auf Weltreise und sein Zimmer steht somit frei. Kurzerhand zieht Julie bei den Watkins ein und findet sich inmitten einer äußerst seltsamen Familie wieder. Die Eltern sind kaum Zuhause, der zweitälteste Bruder Matt ist ein ziemlicher Nerd mit einer Vorliebe für geschmacklich fragliche Sprüche-Shirts und die jüngste Tochter Celeste schleppt die ganze Zeit eine Pappfigur ihres ältesten Bruders mit sich durch die Gegend. Doch Julie ist dankbar für die Unterkunft und erklärt sich deshalb bereit, Celeste unter ihre Fittiche zu nehmen und das Geheimnis um „Papp-Finn“ zu lüften. Dabei sucht sie sich die beste Unterstützung, die sie finden kann – denn dank des Internets kann sie den echten Finn überall auf der Welt erreichen. Über Facebook entwickelt sich eine zarte Freundschaft, die über intensive Gespräche und anfangs harmlose Flirtereien schon bald heftiges Bauchkribbeln bei Julie auslöst. Deshalb setzt sie alles daran, ihn nach Hause zu holen – denn sie ist davon überzeugt, dass es nicht nur ihr selbst endlich Gewissheit über ihre Gefühle bringen, sondern auch der Familie aus ihrer Seltsamkeit helfen würde.

Ein dunkles Auto wurde langsamer, hielt an und parkte direkt neben Julie in zweiter Reihe. „Mom, ich muss jetzt aufhören. Ich glaube, dieser Matt ist hier.“
„Bist Du sicher, dass er es ist?“
Als das Autofenster runtergelassen wurde, warf Julie einen schnellen Blick ins Innere. „Der Typ sieht irgendwie verrückt aus. In der einen Hand hält er Süßigkeiten und mit der anderen schwenkt er eine bluttriefende Sichel. Oh! Er winkt mich zum Wagen. Das muss er sein.“
(Seite 14)

Zugegeben, das Cover von Jessica Parks Debüt wird wahrscheinlich in erster Linie vor allem Leserinnen ansprechen, die sich eine zuckersüße, leicht lesbare Geschichte erhoffen. Doch Im freien Fall oder wie ich mich in eine Pappfigur verliebte liefert weitaus mehr, als man auf den ersten Blick annehmen würde. Der Leser begleitet Julie, die zwar etwas oberflächlich und sehr stereotyp erscheint, aber auch schon auf den ersten Seiten zahlreiche Sympathiepunkte sammeln kann, nicht nur auf ihren ersten Schritten auf dem College, sondern auch auf den Spuren eines Familiengeheimnisses, das es zu enthüllen geht. Denn von Anfang an ist nicht nur ihr klar, dass irgendwas mit den Watkins nicht stimmt. Recht früh befällt den Leser bereits eine Ahnung, was hinter der Pappfigur von Finn stecken könnte, doch Jessica Park versteht es gut, alle in Sicherheit zu wiegen und daran zu glauben, dass der älteste Sohn der Familie überall auf der Welt unterwegs ist und Gutes tut. Auch der Finn, den der Leser lediglich über Facebooknachrichten kennen lernt, leistet ganze Überzeugungsarbeit und zieht schnell in seinen Bann. Das Gleiche gilt für Matt, der trotz seiner Nerdigkeit sehr liebenswert ist, und natürlich Celeste, bei der man gerne vergisst, dass sie eigentlich 13 Jahre alt ist, denn sie verhält sich ganz und gar nicht wie ein normaler Teenager. Es ist schön zu beobachten, wie Julie langsam Stück für Stück die Hülle durchbricht und an das junge Mädchen herankommt, ihr zeigt, welche Möglichkeiten das Leben bietet – auch wenn sie sich damit öfter mal Matts Ärger einhandelt. Doch gerade die verbalen Schlagabtausche zwischen Matt und Julie können die Geschichte unheimlich nach vorne treiben und bieten dem Leser beste Unterhaltung.

Trotz einiger Schwächen beweist Jessica Park in Im freien Fall oder wie ich mich in eine Pappfigur verliebte, dass sie durchaus ein Gespür für gute Geschichten hat und dass sie weiß, wie sie den Leser auf ihre Seite ziehen kann. Mit diesem Debüt legt sie einen soliden Grundstein für eine erfolgreiche Karriere als Autorin und man darf sich schon jetzt auf weitere Bücher von ihr freuen. Laut ihrer Homepage gibt es sogar schon weitere Bücher um Julie, Matt und Celeste, die hoffentlich ebenfalls ihren Weg auf den deutschen Buchmarkt finden werden. Falls dem nicht so sein sollte, wird man trotzdem wieder von dieser Autorin hören, denn es wäre schade, nach diesem Buch auf weiteren Lesestoff aus dieser Feder verzichten zu müssen. Hier und da muss sicherlich noch an Kleinigkeiten gefeilt werden, doch insgesamt kann man nur eine klare Leseempfehlung aussprechen – für Leser, die Lust auf eine bittersüße Geschichte haben, die nah am Leben spielt und für so manchen Schmunzler sorgen kann.


Fazit:

Das Cover lockt mit bunten, verspielten Farben und großer Schrift, der Klappentext verspricht eine süße, aber auch spannende Geschichte – Im freien Fall oder wie ich mich in eine Pappfigur verliebte ist zumindest auf den ersten Blick in jeder Hinsicht eher eine Geschichte für die weibliche Leserschaft. Erst mit fortschreitender Seitenzahl wird klar, dass durchaus auch Männer ihren Gefallen an der leicht vorhersehbaren, aber auch sehr berührenden Story finden können. Sympathische, nicht ganz einfache Charaktere runden die ganze Sache ab und machen das Debüt von Jessica Park zu einem netten Lesehighlight, das sicher so manches Herz höher schlagen lässt.



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