Backstage: Einmal und nie wieder!

Nachdem sich nun binnen einer Woche (fast) alles zum Guten gewendet hat, möchte ich euch erzählen, warum ich seit vergangenem Samstag wieder einmal alle verfügbaren Daumen meiner Facebook-Fans brauchte. Denn ein relativ spontaner Trip nach Lübeck wegen eines Konzertes im Rahmen einer Studentenparty entwickelte sich nach vorfreudiger Aufregung und spaßigem Abgezappel zu unentspannter und verzweifelter Wartezeit mit Andeutungen enormer Entzugserscheinungen. Eine Woche, in der ich nicht nur mich selbst verrückt gemacht, sondern auch alle möglichen (und unmöglichen) Menschen in einer Tour belästigt und genötigt habe, mir zu helfen.

Um es kurz zu fassen: Meine Tasche, ein Jutebeutel mit eigens für Dirk Bernemann entworfenem Aufdruck, ist am letzten Freitag weggekommen.
Wie konnte das passieren? Ganz einfach: Man gibt die Tasche zur Aufbewahrung in den Backstagebereich (weil man mit der Band nicht befreundet, aber doch persönlich bekannt ist) und verpasst dann die Möglichkeit, sie wieder abzuholen.
Inhalt: Portemonnaie, Handy, ein Notizbuch mit privaten Adressen, zwei Schachteln Zigaretten, meine heißgeliebte kollektiv22-Mütze, Handschuhe, ein Halstuch, ein brandneues Kurzarmshirt und diverser Kleinkram. Was Frau halt so mit sich rumschleppt.
Aus für mich bis heute nicht nachvollziehbaren Gründen hatte meine Begleitung und Übernachtungsmöglichkeit meinen Schlüssel (den ich ursprünglich eh in seiner Wohnung lassen wollte) an sich genommen, was im Nachhinein betrachtet die beste Idee an diesem Abend war.

Etwas ausschweifender erzählt sieht die Geschichte dann schon etwas anders aus.
Denn je länger ich darüber nachdenke und den Abend Revue passieren lasse, desto mehr Fragen tauchen eigentlich auf und ein nicht sehr angenehmer Verdacht nimmt immer mehr Form an. Inzwischen bin ich nämlich davon überzeugt, dass etwas in meinen zweieinhalb Flaschen Bier war – neben einem Mexikaner und zwei, drei Schlucken einer Wodka-Energy-Mischung war das alles, was ich auf dieser Party, an diesem Abend getrunken habe. Vorher gab es noch anderthalb Gläser Wein (Und wehe, mir kommt jetzt jemand mit dem oberschlauen Spruch „Bier auf Wein, das lass sein.“!) zum Einstimmen. Es war also kein Akkordsaufen zum sogenannten Abschießen, sondern ein für einen Partyabend relativ normaler Konsum. Da ich im Umgang mit Alkohol sehr verantwortungsbewusst bin, meine diesbezüglichen Grenzen eindeutig erkenne und sie immer einhalte, finde ich keine andere Erklärung für das, was in dieser Nacht geschah.

Denn mir fehlen anderthalb Stunden.
Anderthalb Stunden, in denen ich in einem deliriumartigen Zustand auf dem Klo saß und meine Begleitung mich verzweifelt gesucht hat. Anderthalb Stunden, in denen ich irgendwie zwar mitbekommen habe, dass sich vor meiner Kabinentür Menschen unterhalten und nur einen Raum weiter eine Mega-Party stattfindet, ich aber in keiner Weise in der Lage war, auf irgendwas zu reagieren. Ich weiß noch, dass ich zwischendurch die Position wechselte – mal saß ich auf dem Klodeckel, mal hockte ich auf dem Boden und hielt den Kopf über die Schüssel (zum Glück habe ich inzwischen kürzere Haare xD). Das nächste, woran ich mich erinnere, ist dann ein lautes und energisches Klopfen gegen die Kabinentür, die – nachdem ich noch immer keinen Ton von mir geben konnte – von der Security eingetreten wurde.

Danach war ich zumindest wach genug, nach draußen zu torkeln und meine Begleitung zu finden oder mich von ihr finden zu lassen. Der Zufall wollte, dass er gerade an der Garderobe war, um unsere Jacken zu holen. Er brachte mich nach draußen, wo ich durch die frische Luft direkt wieder einen Übelkeitsanfall bekam und mich zittrig auf ein niedriges Fensterbrett setzte. Auf dem Weg nach draußen fiel mir aber sofort auf, dass die Band ihren Merch-Stand schon abgebaut hatte, was die Vermutung nahelegte, dass auch das Bühnenequipment bereits eingepackt und der Backstagebereich leergeräumt ist. Meine Begleitung ging noch mal rein, um nach meiner Tasche zu sehen, kam allerdings mit leeren Händen wieder. Wir beschlossen dann, am nächsten Morgen wieder zu kommen und im Hellen zu suchen bzw. die Veranstalter anzusprechen. Im Hinterkopf blieb die Hoffnung, dass die Band die Tasche zusammen mit ihrem Kram eingepackt hätte.

Hatten sie nicht. Und auch der Location-Besuch am nächsten Morgen blieb erfolglos. Ich hatte nichts. Kein Geld, kein Handy, keine Zigaretten, keine Mütze, keine Handschuhe. Es war arschkalt und ich musste ja auch noch irgendwie zurück nach Hause, nach Hamburg. Direkt nach unserem erfolglosen Location-Besuch bekam die medizinische Fachschaft der Uni Lübeck, die diese Party veranstaltet hatte, eine Mail über den Uni-Account meiner Begleitung mit der Bitte, die Augen offen zu halten und sich zu melden. Außerdem schrieb ich zwei Bandmitgliedern eine Nachricht über Facebook in der Hoffnung, dass sie sich daran erinnern, die Tasche eingepackt zu haben. Ich fuhr irgendwann nachmittags nach Hause und versuchte Ruhe zu bewahren.

Den restlichen Samstag gab es keine positive Nachricht. Auch den ganzen Sonntag gab es keine positive Nachricht. Und am Montag hörte ich ebenfalls nichts Positives.
In der Nacht auf Dienstag beschloss ich dann, mich noch einmal persönlich an die Fachschaft zu wenden, und verfasste einen Text, der als Rundmail an den Studentenverteiler gehen sollte. Darauf gab es auch endlich eine Reaktion: Die Tasche wurde gefunden und ins Büro der Fachschaft gebracht.

Dienstagnachmittag und den ganzen Mittwoch war dann Highlife – in meinem Kopf, in verschiedenen Mail-Konten und bei den beiden Menschen, ohne deren Hilfe das alles nicht so schnell so positiv ausgegangen wäre. Ich möchte gar nicht so genau wissen, wie viele Menschen ich hochgescheucht und durch die Gegend gejagt habe. Mittwochnachmittag wurde ein Paket an meine Büroadresse abgegeben, welches ich seit gestern Morgen per Sendungsnachverfolgung kaum aus den Augen gelassen hatte und heute Mittag endlich in Empfang nehmen durfte. Bis auf die Zigaretten (hat sich die Security als Finderlohn genommen, was mir in dem Moment scheißegal war und auch jetzt noch ist) und das Handy ist auch alles gefunden worden.

Inzwischen bin ich deswegen recht entspannt. Es ist schade um die vielen Kontakte und Fotos, die auf dem Handy und SIM-Karte gespeichert waren. Vielleicht taucht es irgendwann irgendwo doch noch auf, aber wirklich Hoffnung habe ich nicht. Verrückt mache ich mich deswegen aber auch nicht mehr – es ist, wie es ist, und ändern kann ich es jetzt auch nicht mehr.

Ich kann nur für die Zukunft daraus lernen.
Schon immer habe ich extrem auf meine Getränke geachtet, wenn ich feiern war. Das wird ab jetzt noch stärker der Fall sein. Und meine Tasche werde ich jetzt wohl auch immer am Körper behalten, auch wenn ich den Menschen um mich rum vertrauen kann. Versteht mich hier bitte nicht falsch, die Jungs von der Band trifft absolut gar keine Schuld. Doch diese Erfahrung hat mich gelehrt, dass ich mich im Falle des Falles lieber nur auf mich verlasse (Gott, wie gemein das klingt -.- so ist es aber wirklich nicht gemeint!)

Und ich habe noch etwas aus dieser Erfahrung mitgenommen, nämlich die Erkenntnis, dass es mehr gute Menschen auf dieser Welt gibt, als wir manchmal glauben möchten. Ohne die Hilfe einer Medizinstudentin aus Lübeck und natürlich meiner Begleitung und Übernachtungsmöglichkeit wäre diese Geschichte sicher anders ausgegangen. An dieser Stelle, auch wenn sie es wohl nie lesen werden, deshalb meinen allerherzlichsten Dank an diese beiden, an die Fachschaft Medizin und auch an die Band, die sich in meinem Namen bei verschiedenen Leuten nach meiner Tasche erkundigt hat.

Dieser Beitrag ist Teil 3 von 29 aus der Serie: Backstage | Zeige alle Teile

Teil 1: Neue Artikel-Kategorie: „Backstage“

Teil 2: Backstage: Wie viel Glück kann ein Mensch haben?

Teil 3: Backstage: Einmal und nie wieder!

Teil 4: Backstage: Warum mein Herz für Hamburg schlägt

Teil 5: Backstage: Shoppingwahn am Vor-Welttag des Buches

Teil 6: Backstage: Hamburger Nächte

Teil 7: Backstage: Draußen lesen

Teil 8: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht …

Teil 9: Backstage: A Question Of Lust – oder nicht?

Teil 10: Backstage: … Sonntagsgedanken …

Teil 11: Backstage: Jetzt beginnt mein (Lese)Wochenende …

Teil 12: Backstage: Gehaime vor- und nachwhainachtliche Überraschungspost

Teil 13: Backstage: Manchmal gibt’s so Momente …

Teil 14: Backstage: Eine Zugfahrt, die ist lustig …

Teil 15: Backstage: … durch Raum und Zeit und Worte …

Teil 16: Backstage: Interessante Jobangebote im richtigen Moment

Teil 17: Backstage: Wenn Schweigen zur Gewohnheit wird …

Teil 18: Backstage: Wenn eine gemeinsame Reise zu früh endet …

Teil 19: Backstage: „Ich muss mich leider über Dich beschweren.“

Teil 20: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht (Teil 2)

Teil 21: Backstage: Wenn Alpträume nicht nur den Schlaf rauben.

Teil 22: Backstage: Der etwas andere Liebesbrief

Teil 23: Backstage: Warum Schwäche auch eine Stärke sein kann

Teil 24: Backstage: Somewhere over the rainbow

Teil 25: Backstage: Hi, my name is Chase!

Teil 26: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht (Teil 3)

Teil 27: Backstage: Warum ich dieses Mal nicht am #litnetzwerk teilnehme

Teil 28: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht (Teil 4)

Teil 29: Backstage: Sechs Monate, ein Jahr und zwei Leben


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