Backstage: Wenn Schweigen zur Gewohnheit wird …

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„Schweigen ist ein Gesetz,
das unser Stimmrecht einfordert.“
(Lilly Lindner)

Der letzte richtige Backstage-Artikel ist zweieinhalb Monate her und so richtig sicher bin ich mir eigentlich nicht, wie weit ich bei dem Thema wirklich ausholen möchte. Die Grundidee war, euch einen kleinen Auszug aus einem Brief zu zeigen, an dem ich gestern und heute geschrieben habe. An meine Mutter. Mit der ich seit einigen Jahren keinen Kontakt mehr habe, abgesehen von geburtstaglichen SMS. Dieser Auszug zeigt sehr gut, wie sich mein Leben in diesen Jahren verändert hat, und ich bin irgendwie stolz auf ihn, weshalb ich ihn mit euch teilen möchte.

Doch als ich jetzt anfing, über das Thema „Schweigen“ im Allgemeinen, im Generellen und im Speziellen nachzudenken, stellte ich fest, dass ich genug für einen ganzen Artikel zu erzählen hätte. Denn irgendwo kommt das Schweigen ja her, irgendwo muss es herkommen, denn es taucht nicht von einem Moment auf den anderen einfach auf, und genauso wenig verschwindet es einfach wieder. Und dann fiel mir diese eine Zeile von meiner wunderbaren Lilly ein, die so wahr ist und auch auf diese meine seit Jahren aktuelle Situation zutrifft, obwohl sie im Grundgedanken eine andere Aussage hat und unterstreicht.

Und nun sitze ich hier und überlege, wie ich beides unter einen Hut bringe, sinnvoll miteinander verbinde, und dann fällt mir plötzlich auf – ich muss es ja gar nicht sinnvoll verbinden. Ich kann es einfach so, wie es ist, aufschreiben und stehen lassen. Wer sagt eigentlich, dass immer alles einen Sinn ergeben muss? Wer bestimmt das? Und warum lassen wir uns überhaupt etwas, das uns derart drastisch einschränkt, vorschreiben? Unsere Gedanken gehören doch uns und wenn wir sie teilen möchten, dann doch auf die Weise, mit der wir uns wohlfühlen.

Deshalb sitze ich jetzt hier und schreibe für euch wieder einmal einen sehr persönlichen Artikel und deshalb sitzt ihr jetzt da vor euren Monitoren und lest meine Worte. Und ich bin wieder einmal so dankbar dafür, dass ihr euch die Zeit dafür nehmt und ich mit einem guten Gefühl weiß, dass nichts ungelesen bleibt. Und wer weiß, vielleicht findet sich jemand in meinen Worten wieder, kann etwas davon mitnehmen und vielleicht, ganz vielleicht sein eigenes Schweigen brechen oder wenigstens eindämmen.

Ich habe mich lange Zeit hinter dem Schweigen versteckt. Die Ursachen hierfür liegen in meiner Kindheit, Jugend und meiner ersten richtigen Beziehung begraben, wobei ich hier keinesfalls von Schuld oder etwas in dieser Richtung sprechen möchte. Es ist einfach so gekommen, wie es gekommen ist, und sich im Nachhinein über die Schuldfrage Gedanken zu machen, ist vergebens und bringt niemandem etwas. Mir hat auch das Schweigen letzten Endes nichts gebracht, bis auf die Tatsache, dass ich einigen mir wichtigen Menschen dadurch sehr weh getan und mir selbst verschiedene Möglichkeiten verbaut habe. Auch das ist nichts, was ich im Nachhinein ändern kann oder zerdenken sollte.

schweigen-sagenWann ich hinter dem Schweigen hervorgekrochen bin, kann ich hingegen ganz genau festlegen. Es war der Moment, in dem ich sehr schmerzhaft merkte, dass ich andere Menschen mit in den Abgrund ziehe. Lebensfrohe und lebensbejahende Menschen, die immer ein ehrliches Lächeln im Gesicht trugen, die immer ein offenes Ohr zu Verfügung stellten, die immer die richtigen Fragen stellten. Und trotzdem keine Antwort bekamen, weil ich nicht in der Lage war, die sich in meinem Kopf befindenden Worte auch aus meinem Mund zu lassen. Ich schwieg beharrlich – denn ich hatte es über mehrere Jahre so kennen gelernt, dass das, was ich zu sagen hatte, kaum von Bedeutung, geschweige denn interessant oder wichtig war.

Also schwieg ich, errichtete Mauern in meinem Kopf, um die Worte eingeschlossen zu halten, damit mir ja nicht die falschen Buchstaben über die Lippen kamen. Ich wandelte die verbale Sprache in geschriebene Worte um, so kam ich auch zum Bloggen – aber reden? Reden ging nicht. Obwohl ich viel zu sagen gehabt hätte, in all diesen Jahren, in denen ich schwieg.

Natürlich schwieg ich nicht grundsätzlich. Ich habe meine Stimme durchaus genutzt. Aber eben nicht für die Dinge, die wirklich wichtig gewesen wären. Nicht um mich mitzuteilen. Nicht um andere an meinen Gedanken teilhaben zu lassen. Nicht um direkte Reaktionen zu erhalten. Stattdessen versteckte ich mich hinter Nachrichten, SMS, Mails, Briefen, Artikeln.

Und wusste dabei die ganze Zeit, dass ich nur verlieren konnte. So war es schließlich auch, ich verlor jemanden, dem Reden, verbale Kommunikation und der Austausch von gesprochenen Worten über alles und nichts so wichtig war. Weil ich einfach nicht reden konnte, und wenn ich es versucht habe, kam alles ganz falsch raus. Dachte ich zumindest. Heute weiß ich, dass es nicht so war. Aber heute ist es zu spät – wenn es denn überhaupt zu spät sein kann.

Nach diesem Verlust, der mir den Boden unter den Füßen wegriss und mich tiefer fallen ließ, als ich mit allen Worten dieser Welt beschreiben könnte, wusste ich, dass es so nicht weitergehen konnte. Dass ich meine Sprache, meine Stimme, meine Worte wiederfinden musste. Das bedeutete harte Arbeit, kostete viel Kraft und war natürlich nicht von einem Tag auf den anderen erledigt.

Ich hatte das große Glück, über meinen damaligen Arbeitgeber den Kontakt zu einer Arbeitspsychologin herstellen zu können, und schon in der ersten Sitzung – die eigentlich nur ein Kennenlernen darstellen sollte – redete ich fast zwei Stunden am Stück. Ohne Unterbrechung. Ich ließ alles raus und irgendwie brach dort ein Damm in mir. Der Damm, der all die Worte, die ich kannte und so lange zurück gehalten hatte, endlich frei gab und mir das Gefühl der Ohnmacht und der Atemlosigkeit nahm, von dem ich bis dahin gar nicht wusste, dass ich es schon so lange mit mir rumschleppte.

Seit diesem Zeitpunkt sind etwa drei Jahre vergangen. Das letzte Gespräch mit dieser Therapeutin hatte ich vor mehr als zwei Jahren, aber bis heute nehme ich ganz viel aus unseren Sitzungen mit. Erinnere mich an Dinge, die sie gesagt hat, nach denen sie mich gefragt hat, und daran, wie viel besser es mir nach jeder einzelnen Stunde mit ihr ging. Ich denke bewusster seit diesen Gesprächen und versuche, meine Gedanken zu kanalisieren, ohne sie einzuschränken oder mich in ihnen zu verlieren. Ich lasse sie zu – die guten und auch die schlechten – und gebe ihnen die Möglichkeit, sich frei zu bewegen.

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Noch immer habe ich Probleme, mich frei zu äußern und über meine Gedanken zu sprechen. Meinen Sorgen und Freuden gebe ich gleichermaßen Raum in meinem Leben, und ich versuche, auch meine Freunde und engsten Vertrauten nicht im Regen stehen zu lassen, sondern sie einzubeziehen. Das funktioniert manchmal gut, manchmal schlecht und manchmal gar nicht, aber ich lerne, und ich habe die beste Unterstützung an meiner Seite. Nämlich Menschen, die mir zuhören und die Wert darauf legen, dass ich mich mitteile. Denen wichtig ist, was ich zu erzählen habe, und die sich dafür wirklich interessieren.

Ich habe gelernt, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Dass man manchmal hart kämpfen muss, um sein Stimmrecht zu erhalten. Dass es manchmal aber auch ganz einfach ist und man selbst derjenige ist, der diesem Stimmrecht im Weg steht. Heute weiß ich, dass Schweigen manchmal wichtige Dinge kaputt machen kann, und vielleicht würde ich aus heutiger Sicht einige Dinge anders machen. Vielleicht würde ich in bestimmten Situationen mehr reden. Vielleicht aber auch nicht, denn es ist eine Erfahrung, die ich gemacht habe und die ich möglicherweise machen musste, um an diesem Punkt anzukommen, an dem ich heute stehe.

An diesem Punkt, an dem ich nicht in der Lage bin, das gesprochene Wort an meine Mutter zu richten und ihr klar zu machen, wie die schweigsame Eingefahrenheit zwischen uns aus meiner Sicht aussieht. Die hat natürlich ihre Hintergründe, über die ich hier nicht schreiben werde, denn auch wenn ich viel mit euch teile, gibt es doch so ein, zwei Punkte, die privat bleiben müssen. Trotzdem möchte ich an der Grundidee festhalten und euch abschließend den einen Absatz zeigen, der mich in seiner umfassenden Tragweite erst zu diesem Artikel inspiriert hat.

„Ich bin erwachsen geworden, irgendwann zwischen Rostock und heute, aber wirklich bewusst wird mir das erst in den letzten zwei Jahren. Ich genieße die schönen Seiten und setze mich auch mit den Dingen auseinander, die nicht so angenehm sind. Ich laufe nicht mehr weg, denn ich habe gelernt, dass die Vergangenheit und die Schatten von damals und heute einen immer wieder einholen werden, wenn man sich ihnen nicht stellt und ihnen mit festem Blick ins Gesicht sieht. Ganz egal, wie schnell man rennt und wie gut man sich versteckt. Ich stehe mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen und mitten im Leben. Es wäre schön, wenn Du langsam wieder ein Teil davon werden könntest.“

Danke an die Menschen, die mir das Schweigen beigebracht haben. Danke an diejenigen, die mir gezeigt haben, wie ich es durchbrechen kann. Und danke an euch, meine Leser, denn durch eure lesenden Augen bekomme ich ebenfalls ein Gehör geschenkt.

Dieser Beitrag ist Teil 17 von 29 aus der Serie: Backstage | Zeige alle Teile

Teil 1: Neue Artikel-Kategorie: „Backstage“

Teil 2: Backstage: Wie viel Glück kann ein Mensch haben?

Teil 3: Backstage: Einmal und nie wieder!

Teil 4: Backstage: Warum mein Herz für Hamburg schlägt

Teil 5: Backstage: Shoppingwahn am Vor-Welttag des Buches

Teil 6: Backstage: Hamburger Nächte

Teil 7: Backstage: Draußen lesen

Teil 8: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht …

Teil 9: Backstage: A Question Of Lust – oder nicht?

Teil 10: Backstage: … Sonntagsgedanken …

Teil 11: Backstage: Jetzt beginnt mein (Lese)Wochenende …

Teil 12: Backstage: Gehaime vor- und nachwhainachtliche Überraschungspost

Teil 13: Backstage: Manchmal gibt’s so Momente …

Teil 14: Backstage: Eine Zugfahrt, die ist lustig …

Teil 15: Backstage: … durch Raum und Zeit und Worte …

Teil 16: Backstage: Interessante Jobangebote im richtigen Moment

Teil 17: Backstage: Wenn Schweigen zur Gewohnheit wird …

Teil 18: Backstage: Wenn eine gemeinsame Reise zu früh endet …

Teil 19: Backstage: „Ich muss mich leider über Dich beschweren.“

Teil 20: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht (Teil 2)

Teil 21: Backstage: Wenn Alpträume nicht nur den Schlaf rauben.

Teil 22: Backstage: Der etwas andere Liebesbrief

Teil 23: Backstage: Warum Schwäche auch eine Stärke sein kann

Teil 24: Backstage: Somewhere over the rainbow

Teil 25: Backstage: Hi, my name is Chase!

Teil 26: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht (Teil 3)

Teil 27: Backstage: Warum ich dieses Mal nicht am #litnetzwerk teilnehme

Teil 28: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht (Teil 4)

Teil 29: Backstage: Sechs Monate, ein Jahr und zwei Leben


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8 Kommentare
  1. Cindy sagt:

    Danke für diesen Artikel, und die sehr persönlichen Worte..

  2. Mel sagt:

    Hey Schattenkämpferin,

    danke für diesen Artikel und deinen Mut, ihn mit uns zu teilen. Ich kann dich verstehen. Ziemlich gut sogar. Es freut mich, dass du etwas ändern möchtest. Ich weiß zwar nicht wie genau unser Verhältnis ist, aber ich bin für dich da, falls du mal was brauchst.

    Lg Mel

  3. ClauDia sagt:

    <3 ich wünsche euch lebhafte, zugewandte Gespräche!
    und ich denk an euch, Kleines.

  4. Lino sagt:

    Ein Pfeil mitten ins Herz und das einzige Wort ist eine Träne auf der Wange.

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