Backstage: Warum mein Herz für Hamburg schlägt

sw_bs01Wie paradox ist es eigentlich, dass ich mir auf dem Weg zur Buchmesse nach Leipzig, einer mir bisher noch völlig unbekannten Stadt, endlich die Zeit für den Artikel nehme, den ich eigentlich zu meinem Fünfjährigen in Hamburg schreiben bzw. veröffentlichen wollte? Sei es drum, der Zeitpunkt spielt letztendlich sowieso keine Rolle, und statt sich darüber zu ärgern, dass ich erst jetzt dazu komme, sollten wir uns einfach alle freuen, dass ich es überhaupt endlich mal schaffe – schließlich ist meine Liste der zu schreibenden Artikel ziemlich lang, und dieser hier gehört eigentlich nicht zu den wichtigsten, die ich abarbeiten sollte.

Hamburg also. Wie kam es dazu, dass ich überhaupt in diese Stadt gezogen bin? Die Frage ist ganz leicht zu beantworten: Ich wollte aus verschiedenen Gründen aus Rostock weg. Und zur Wahl standen eben Hamburg oder zurück in die Heimat, also in die Berliner Ecke. Letzteres reizte mich aber irgendwie gar nicht, auch hierfür gibt es sehr weitreichende, nicht immer nachvollziehbare Gründe. Deshalb fiel die Wahl recht schnell auf Hamburg. Eine Stadt, die ich vorm Treffen dieser Entscheidung eigentlich auch noch nicht richtig kannte, sondern auch nur ein oder zwei Mal besucht hatte. Wahrscheinlich machte genau das ihren Reiz aus und man könnte denken, dass dieser Reiz ziemlich schnell wieder nachgelassen hat. Vor allem in Hinblick darauf, in welchem erschreckend gleichmäßigen Rhythmus ich in den vorherigen Jahren meinen Wohnsitz immer wieder geändert habe.

Doch falsch: Auch heute, über fünf Jahre später, lebe ich noch immer in Hamburg.
Und was noch viel erstaunlicher ist: Ich fühle mich noch immer unheimlich wohl in Hamburg. Ich bin glücklich hier in dieser Stadt, und das will was heißen, denn für gewöhnlich – also bevor ich nach Hamburg gekommen bin – ist es recht schwer, mich zufrieden zu stellen und glücklich zu machen.
Was hat diese Stadt also an sich, dass ich mich hier gehen lassen und zum vielleicht ersten Mal in meinem Leben wirklich lebendig fühlen kann? Die Antwort: Ich weiß es nicht. Doch zum ersten Mal bin ich auch der Meinung, dass ich nicht alles wissen muss, weil es gut so ist, wie es ist.

hh-meine-stadtHamburg ist vielseitig und abwechslungsreich, bietet für jeden Geschmack das richtige Unterhaltungsprogramm und schenkt außerdem auf ebenso reichhaltige Weise die Möglichkeit, seinen eigenen Horizont zu erweitern. Es ist nie langweilig in Hamburg, ständig ist irgendwo etwas los, und selbst wenn man sich vornimmt, mal ein Wochenende oder auch nur einen Tag lang nichts zu unternehmen, kann man sich sicher sein, dass das entweder ziemlich schwer fällt oder einfach mal nicht durchgezogen werden kann. Es sei denn, man schließt sich in seiner Wohnung ein, stellt Türklingel und Telefon aus und ist für niemanden erreichbar – dann könnte das vielleicht etwas werden.

In meiner Anfangszeit – eigentlich in den ersten drei Jahren in Hamburg – habe ich von all dem Leben vor meiner Tür überhaupt nichts mitbekommen, weil ich nämlich genau das getan habe: Mich mit meinen Büchern in meinen eigenen vier Wänden eingeschlossen. Erst durch den Besuch der Abendschule kam ich ein wenig in Kontakt mit anderen Menschen, allerdings fehlte hier durch einen Vollzeitjob und die zusätzlichen 24 Stunden Abendschule pro Woche einfach die Zeit, diese Kontakte tatsächlich auch zu vertiefen. Vielmehr durch die Einladung zu einer Geburtstagsfeier eines ehemaligen Abendschulmitschülers und die Begegnung mit mehreren besonderen Menschen auf eben dieser Party brachte mich dann in Kreise, die man heute als soziales Umfeld bezeichnen kann. Und auch wenn einige dieser Begegnungen inzwischen der Vergangenheit angehören, bin ich doch froh über sie, denn sie haben mich aus einer Lethargie gerissen, von der ich gar nicht wusste, dass ich überhaupt in ihr drin stecke.

Inzwischen sieht mein Leben ein wenig anders aus. Es vergeht eigentlich kein Tag, an dem ich nicht abends noch unterwegs bin, und wenn es nur auf einen Kaffee oder ein Bierchen mit Freunden ist. Wirkliche Leseabende oder gar –wochenenden gibt es nur noch äußerst selten, und selbst wenn ich mir mal vornehme, abends nichts mehr zu machen, sondern nur noch in die Wanne und dann mit einem Buch auf die Couch zu gehen, finde ich kaum die nötige Ruhe, das dann auch genau so zu machen. Selbst wenn ich den Kopf mit allerlei Kram voll habe und mir eigentlich wirklich mal eine Auszeit gönnen sollte, schaffe ich es nicht. Mein Geist und auch mein Körper werden dann mit jeder Minute, die vergeht, immer unruhiger und rastloser, sodass ich letzten Endes dann doch wieder in Mantel und Schuhe schlüpfe und irgendwo Zerstreuung suche. (Wer aufmerksamer Follower meiner Facebook-Seite ist, der weiß ziemlich genau, wohin es mich in solchen Momenten immer zieht.)

hamburg-herzAber es ist nicht so, dass ich das nicht genießen würde. Rückblickend betrachtet bin ich sogar froh über diesen ganzen Trubel, den mir mein Leben mir bietet. Den Hamburg mir bietet. Denn ich erlebe so viel und verliebe mich jeden Tag neu in diese wundervolle Stadt, die mir so viel gibt. Ich habe in Hamburg Bestand habende Begeisterung und anhaltendes Glück, echte Freundschaft und stürmische Liebe gefunden, bin beruflich unheimlich große, wenn auch nicht immer leichte Schritte gegangen, habe mich persönlich enorm weiterentwickelt und bin noch immer auf dem besten Weg zu dem Menschen, der ich irgendwann sein will. Und der zu sein ich auch durchaus im Stande bin. Hamburg hat mich selbstbewusster gemacht, erfahrener, unabhängiger, offener und reicher in allem, was und wie ich bin, tue, denke und empfinde.

Wenn ich an Hamburg denke – so wie jetzt verstärkt beim Schreiben dieses Artikels auf der Fahrt nach Leipzig –, dann fange ich von ganz allein an zu lächeln und mein Herz geht völlig auf in dem Gedanken an diese wunderschöne, geistreiche, lebensfrohe Stadt. Ich kann freier denken, freier atmen, mein Herz fühlt sich leichter und meine Seele fühlt sich angekommen. Ich bin angekommen. In Hamburg und in meinem Leben. In meinem Leben in Hamburg. Und wenn ich das so schreibe, dann könnte ich weinen vor Glück und vor Freude darüber, vor etwas mehr als fünf Jahren diese für mich in allen Punkten richtige Entscheidung getroffen zu haben. Würde ich noch einmal an diesem Punkt in meinem Leben stehen, würde ich alles wieder genauso machen.

Ja, es gibt sicherlich auch negative Momente und Seiten in diesen fünf Jahren Hamburg. Doch in der Summe überwiegt die Schale mit den guten Dingen. Und ja, all dies hätte ich vielleicht auch in einer anderen Stadt gefunden. Habe ich aber nicht. Und nach aktuellem Stand wird auch keine andere Stadt so schnell die Chance dazu bekommen, mit Hamburg zu konkurrieren. Nicht dass das irgendeine Stadt könnte, denn Hamburg gibt mir jeden Tag so viel, dass ich es nicht mehr in Worte fassen kann und froh bin, dieser Stadt vor allem eins zurückgeben zu können: Meine bedingungslose Liebe zu ihr.

welovehh

Dieser Beitrag ist Teil 4 von 29 aus der Serie: Backstage | Zeige alle Teile

Teil 1: Neue Artikel-Kategorie: „Backstage“

Teil 2: Backstage: Wie viel Glück kann ein Mensch haben?

Teil 3: Backstage: Einmal und nie wieder!

Teil 4: Backstage: Warum mein Herz für Hamburg schlägt

Teil 5: Backstage: Shoppingwahn am Vor-Welttag des Buches

Teil 6: Backstage: Hamburger Nächte

Teil 7: Backstage: Draußen lesen

Teil 8: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht …

Teil 9: Backstage: A Question Of Lust – oder nicht?

Teil 10: Backstage: … Sonntagsgedanken …

Teil 11: Backstage: Jetzt beginnt mein (Lese)Wochenende …

Teil 12: Backstage: Gehaime vor- und nachwhainachtliche Überraschungspost

Teil 13: Backstage: Manchmal gibt’s so Momente …

Teil 14: Backstage: Eine Zugfahrt, die ist lustig …

Teil 15: Backstage: … durch Raum und Zeit und Worte …

Teil 16: Backstage: Interessante Jobangebote im richtigen Moment

Teil 17: Backstage: Wenn Schweigen zur Gewohnheit wird …

Teil 18: Backstage: Wenn eine gemeinsame Reise zu früh endet …

Teil 19: Backstage: „Ich muss mich leider über Dich beschweren.“

Teil 20: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht (Teil 2)

Teil 21: Backstage: Wenn Alpträume nicht nur den Schlaf rauben.

Teil 22: Backstage: Der etwas andere Liebesbrief

Teil 23: Backstage: Warum Schwäche auch eine Stärke sein kann

Teil 24: Backstage: Somewhere over the rainbow

Teil 25: Backstage: Hi, my name is Chase!

Teil 26: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht (Teil 3)

Teil 27: Backstage: Warum ich dieses Mal nicht am #litnetzwerk teilnehme

Teil 28: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht (Teil 4)

Teil 29: Backstage: Sechs Monate, ein Jahr und zwei Leben


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4 Kommentare
  1. Cindy roth sagt:

    Sehr schöner Bericht über eine Stadt, die mich auch beim ersten Besuch in den Bann gezogen hat!
    Ein wahres liebesgeständnis!

    • Schattenkämpferin sagt:

      Hallo Cindy,
      schön, dass noch jemand meine Begeisterung teilt :) Ich verliebe mich jeden Tag neu in diese Stadt, gerade jetzt im Frühling, aber eigentlich zu jeder Jahreszeit <3
      Wann warst Du denn hier? Zu einem bestimmten Anlass? Der Hafengeburtstag ist ja immer ein beliebtes Touristenziel :)

      • Cindy roth sagt:

        Hallo,

        Ist leider schon fast drei Jahre her. :-(

        Ich war mit einer Freundin für 5 Tage dort um mir die Stadt anzuschauen, und einfach nur abzuschalten. Ich hab es echt genossen dort, mich haben die Menschen und ihre Art dort echt angenehm überrascht.
        Es war eine schöne zeit, und ich vermisse es hin und wieder immer noch, einfach mit einem Kaffee an den Landungsbrücken zu sitzen und den Gedanken einfach freien Lauf zu lassen.

        Ich komme auf jeden fall wieder!

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