Backstage: Sechs Monate, ein Jahr und zwei Leben

Eigentlich wollte ich diesen Artikel schon vor anderthalb Jahren schreiben, zum ersten Geburtstag von Chase. Und eigentlich müsste der Titel auch auf „drei Leben“ lauten, denn an Pauli ist der Einzug von Chase seinerzeit natürlich auch nicht spurlos vorbeigegangen. Der Titel passt also nicht mehr zu hundert Prozent, aber ich mag ihn immer noch sehr und finde ihn nach wie vor passend. Und da Chase heute sein Zweijähriges als fester Bestandteil unserer Wohngemeinschaft feiert und ein Leben ohne ihn einfach nicht mehr vorstellbar ist, möchte ich die Gelegenheit jetzt nutzen, um diesen längst überfälligen Artikel endlich in die Welt zu entlassen.

2016 war für mich ein unfassbar hartes Jahr. Nachdem ich 2015 drei Mal in Los Angeles war und auch Weihnachten und Silvester in der Stadt der Engel verbracht habe, stürzte ich nach meiner Rückkehr ziemlich heftig ab, worüber ich in diesem Artikel ausführlicher geschrieben habe. Nach den ersten Ausläufern einer richtig fiesen Depression folgte die Arbeitslosigkeit, und als ich dann am 13. Juli nach einigem Kämpfen meinen zweiten Kater Lukarius einschläfern lassen musste, fiel ich in ein bodenloses Loch. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mit zwei Freunden, die mir in diesem Jahr sehr hilfreich zur Seite standen, bereits einen Kurzurlaub in Ungarn geplant. Dort besuchten wir eine private Tierauffangstation und ich hatte während des Hinflugs, wahrscheinlich viel zu früh, entschieden, dass ich mich besonders im Katzenhäuschen etwas genauer umschauen würde.

Nun ja, dort in dem kleinen Dorf Tabdi bin ich dann zum ersten Mal Chase, der damals noch Popel genannt wurde, über den Weg gelaufen. Und er hat sich sofort in mein Herz geschlichen. Oder es viel mehr sofort im Sturm erobert. Ich war in wirklich schlechter Verfassung und mir war bewusst, dass die Adoption eines Welpen möglicherweise in diesem Zustand nicht die beste Idee wäre. Während der einen Woche habe ich viel Zeit mit dem kleinen Racker, der zu der Zeit gerade mal drei Monate alt war, verbracht und mich mit jedem Tag mehr in ihn verliebt. Aber Hand aufs Herz, wer hätte sich denn bei diesem Anblick nicht erweichen lassen?

Nach sieben Tagen in der Gesellschaft von tollen Menschen und noch tolleren Tieren fiel mir der Abschied sehr schwer, aber mein Herz und meine Seele waren um einiges leichter als bei der Anreise. Ich konnte über viele Dinge nachdenken, mich ablenken lassen, Zeit mit wunderbaren Geschöpfen verbringen und den Kopf etwas frei bekommen. Im Rückreisegepäck hatte ich nicht nur eine Woche voller schöner Erinnerungen, sondern auch eine Menge zum Überlegen. Denn ja, Chase zu adoptieren war bereits in den ersten Stunden des Tieroasen-Besuches ein fester Gedanke in meinem Kopf. Ich meine, es heißt doch immer, dass Tiere sich auch den Menschen aussuchen, und Chase hatte seine Wahl ganz klar getroffen. Bereits in Tabdi wurde ich von den anderen Anwesenden aufgezogen, dass er wohl sein Für-immer-Frauchen gefunden hätte.

Aber für mich war diese Tatsache zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht so klar. Ich hatte viel damit zu tun, mein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen, wieder ganz und gar bei mir selbst anzukommen und die Depression zu bekämpfen. Konnte ich in diesem Zustand wirklich die Verantwortung für ein weiteres Lebewesen übernehmen? Konnte ich Chase gerecht werden? Sicher, ich war arbeitslos und hatte den Plan, mich mit dem Korrektorat und Lektorat selbstständig zu machen, was natürlich freie Zeiteinteilung mit sich brachte. Aber ich wusste auch, dass viel Arbeit an mir selbst bevorstand und ich eigentlich weder den Kopf noch die Zeit noch das Geld für ein weiteres Familienmitglied hatte.

Nach vielen Gespräch mit den beiden Freunden, die mich mit nach Ungarn geschleift hatten, den Oasenbetreibern und weiteren Hundefreunden, aber auch tierlosen Menschen, die allerdings die mentalen Probleme gut kennen, traf ich schließlich auch im Kopf eine Entscheidung, die mein Herz schon lange vorher getroffen hatte. Ich entschied mich für die Adoption der Fellnase. Er sollte zum Jahreswechsel bei mir einziehen, sodass ich bis dahin noch etwas Zeit hatte, den Rest meines Lebens in die richtigen Bahnen zu lenken.

Nun ja, es kam dann anders, als wir ursprünglich geplant hatten, und bereits Mitte Oktober kam Chase mit einem Fellnasentransport nach Kiel, wo er erst mal bei den beiden Ungarn-Reisenden und ihrem Rudel blieb. Denn für mich stand noch die Frankfurter Buchmesse an, und die bevorstehende Umstellung war schon aufregend genug, als dass ich den kleinen Racker direkt nach seinem Einzug bei mir gleich einem neuen fremden Menschen aussetzen wollte. Daher war ich froh, dass Inga und David sich bereit erklärt hatten, Chase für einen Monat zu betreuen, und ich weiß heute, dass er in diesen vier Wochen schon sehr viel von den anderen Hunden dort gelernt hat, das mir dadurch „erspart“ blieb. Außerdem habe ich diese vier Wochen dazu genutzt, die Wohnung auf Vordermann zu bringen und hundetauglich zu gestalten, soweit es eben machbar war. Zum Glück hatte ich die tatkräftige Unterstützung meiner beiden besten Mädels an der Hand, mit deren Hilfe ich hier wahre Wunder verbracht habe.

Und am 13. November 2016 war es dann so weit. Meine beiden besten Freundinnen und ich hatten vorher einen Mädelsabend eingelegt und machten uns am nächsten Morgen auf, um mein neues Familienmitglied abzuholen. Die ersten beiden Tage habe ich Chase und Pauli tagsüber in meiner Anwesenheit aufeinandertreffen lassen, über Nacht aber die Schlafzimmertür zugelassen. So konnten sie sich langsam an den Geruch und aneinander gewöhnen. Für Pauli war es natürlich eine große Umstellung, für Chase hingegen war der Kater eigentlich nur ein kleiner Hund mit komischer Sprache. Die ersten Wochen waren dementsprechend aufregend für uns alle, aber meine beiden Jungs haben sich doch schneller angefreundet, als ich erwartet hätte. Ich weiß noch genau, wie wir an einem Abend alle zusammen auf der Couch lage, jeweils eine Fellnase rechts und links von mir, und es herrschte purer Frieden. In der Wohnung und auch in meinem Inneren.

Mit der Zeit sind wir alle drei sehr eng zusammen und zu einer richtigen Familie gewachsen. Wenn ich Chase zu den Buchmessen bei einem Hundesitter unterbringe und dann ohne ihn wiederkomme, ist Pauli regelrecht verstört, weil der Hund in der Wohnung fehlt. Die beiden kuscheln auch ohne mich, spielen und putzen sich gegenseitig. Ich bin seit Anfang 2017 wieder in einem festen Arbeitsverhältnis und die beiden Jungs sind tagsüber alleine. Natürlich gab es anfangs viel Gebell und Geheul, aber inzwischen hat sich das alles wunderbar eingependelt.

Chase bereichert mein Leben jeden Tag, auch wenn er mich manchmal den letzten Nerv kostet und wir noch an vielen Dingen gemeinsam arbeiten müssen. Aber wir entwickeln uns stetig weiter, machen jeden Tag neue kleine Fortschritte und ich weiß, dass die Entscheidung, damals vor etwas mehr als zwei Jahren, genau die richtige war. Wer meine Entwicklung in den letzten zwei Jahren miterlebt hat, der weiß genau, wovon ich spreche, wenn ich sage: Nicht nur ich habe sein Leben gerettet, sondern Chase genauso meins. Um nichts in der Welt würde ich ihn wieder abgeben und allein die letzten zwei Jahre zeigen mir, dass man manchmal eben doch auf sein Herz hören sollte. Der Kopf hat leider die Angewohnheit, viele Dinge einfach zu zerdenken. Und ich bin froh, dass ich diese Entscheidung nicht dem Kopf und seinen Pro- und Kontra-Listen überlassen habe.

Würde ich die Entscheidung heute wieder so treffen? Verdammt, ja! Tatsächlich ist die Idee, wieder eine zweite Katze zu adoptieren, weiterhin aktuell. Natürlich sollte es ein junges Kätzchen sein, damit es gleich in der Gesellschaft von einer anderen Katze und vor allem einem Hund aufwächst und sich nicht erst umgewöhnen muss. Allerdings denke ich, dass Chase erst noch etwas ruhiger werden muss, sonst bekommt das Kitten ja gleich in den ersten Tagen einen Herzkasper und kommt gar nicht zur Ruhe. Chase liebt andere Katzen, versteht nur leider noch nicht, dass nicht alle so entspannt wie Pauli sind.

Ja, heute sind es zwei Jahre, die der inzwischen nicht mehr ganz so kleine Wirbelwind Teil unserer Familie ist. Er ist unheimlich verkuschelt, gerade in den letzten Tagen und Wochen vergeht eigentlich kaum ein Moment, in dem er nicht meine Nähe sucht. Er spürt wahrscheinlich, dass die dunklen Jahreszeiten immer etwas schwierig für mich sind, und hilft mir auf seine Weise, sie zu überstehen. Genauso, wie er vor zwei Jahren in einer wirklich dunklen Zeit das Licht zurück in mein Leben gebracht hat.

Dieser Beitrag ist Teil 29 von 29 aus der Serie: Backstage | Zeige alle Teile

Teil 1: Neue Artikel-Kategorie: „Backstage“

Teil 2: Backstage: Wie viel Glück kann ein Mensch haben?

Teil 3: Backstage: Einmal und nie wieder!

Teil 4: Backstage: Warum mein Herz für Hamburg schlägt

Teil 5: Backstage: Shoppingwahn am Vor-Welttag des Buches

Teil 6: Backstage: Hamburger Nächte

Teil 7: Backstage: Draußen lesen

Teil 8: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht …

Teil 9: Backstage: A Question Of Lust – oder nicht?

Teil 10: Backstage: … Sonntagsgedanken …

Teil 11: Backstage: Jetzt beginnt mein (Lese)Wochenende …

Teil 12: Backstage: Gehaime vor- und nachwhainachtliche Überraschungspost

Teil 13: Backstage: Manchmal gibt’s so Momente …

Teil 14: Backstage: Eine Zugfahrt, die ist lustig …

Teil 15: Backstage: … durch Raum und Zeit und Worte …

Teil 16: Backstage: Interessante Jobangebote im richtigen Moment

Teil 17: Backstage: Wenn Schweigen zur Gewohnheit wird …

Teil 18: Backstage: Wenn eine gemeinsame Reise zu früh endet …

Teil 19: Backstage: „Ich muss mich leider über Dich beschweren.“

Teil 20: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht (Teil 2)

Teil 21: Backstage: Wenn Alpträume nicht nur den Schlaf rauben.

Teil 22: Backstage: Der etwas andere Liebesbrief

Teil 23: Backstage: Warum Schwäche auch eine Stärke sein kann

Teil 24: Backstage: Somewhere over the rainbow

Teil 25: Backstage: Hi, my name is Chase!

Teil 26: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht (Teil 3)

Teil 27: Backstage: Warum ich dieses Mal nicht am #litnetzwerk teilnehme

Teil 28: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht (Teil 4)

Teil 29: Backstage: Sechs Monate, ein Jahr und zwei Leben


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