Backstage: Hamburger Nächte

Hamburg__Hafen__Nacht

Was man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen.
Und was man nicht in der Tasche hat, liegt immer noch im Büro.

Diese Erfahrung habe ich letzte Woche gemacht, als ich nach einem recht anstrengenden Tag (warum er anstrengend war, erzähle ich euch gleich vielleicht ein anderes Mal) mit der letzten Bahn nach Hause gefahren bin (was ebenfalls ein Abenteuer für sich war, da mitten in der Nacht jemand den Drang hatte, sich vor die letzte Bahn zu werfen und mir damit die an sich sehr bequeme und entspannte Umsteigezeit zur Hölle zu machen, weil ich eine komplette S-Bahn-Station laufen, nein, rennen musste, um die letzte Anschluss-U-Bahn zu bekommen …) und so ungefähr drei Minuten vor meiner Haustür beim Kramen nach dem Schlüssel plötzlich feststellte: Er ist nicht in der Tasche. Auch nach einem kompletten Auf-den-Kopf-Stellen des Inhaltes tauchte er nicht auf und mir war sofort klar, dass er im Büro liegen muss. Denn natürlich ist auch der Büroschlüssel an diesem Bund, den ich nach dem letzten Zigarettengang in den Ablagekorb gelegt habe.

Ärgerlich, besonders weil ich mich schon sehr auf mein kuscheliges und vor allem warmes Bett gefreut habe. Immerhin war es fast ein Uhr morgens und höchste Zeit zum Schlafen. Wegen dieser fortgeschrittenen Uhrzeit habe ich dann auch davon abgesehen, meine in nächster Nähe wohnenden (und zu Hause seienden) Freunde aus ihren Betten zu klingeln, obwohl ich wusste, dass sie mich alle ohne Probleme für diese eine Nacht aufgenommen hätten. Wie mir am nächsten Tag mehrfach, auch von Hamburger LeserInnen, versichert und angeboten wurde.

Statt dessen beschloss ich, mit dem nächsten Nachtbus zurück in mein zweites Wohnzimmer zu fahren und dort den Barchef so lange zu belagern, bis die S-Bahn wieder fuhren und die Wartezeit, bis ich ins Büro kann, nicht mehr allzu viele Stunden beträgt. Natürlich war der Nachtbus, der nur alle halbe Stunde fährt, auch gerade erst gefahren, sodass ich erstmal festsaß. Seltsamerweise konnte ich das alles mit Humor nehmen, zumindest ärgerte ich mich nicht allzu sehr darüber. Es sind halt so Dinge, die passieren. Wobei feststeht, dass mir das nie wieder passieren wird. Sicherheitsmaßnahmen wurden inzwischen getroffen und ich kontrolliere vor dem Verlassen des Büros jetzt immer mindestens drei Mal, ob der Schlüssel da ist, wo er hingehört.

SonnenaufgangAlso, der Plan war zurück in die Stammbar, was verlockend war, denn so hatte ich quasi die ganze Nacht Zeit, an weiteren Ideen zu feilen, denn natürlich kam ich da nach einem Abend auf meinem Kreativ-Arbeitsplatz gerade her und hatte demnach den Laptop als mein wichtigstes Arbeitsinstrument in der Tasche. Die Idee war gut, bis auf die Tatsache, dass der Barchef auch einen anstrengenden Tag hatte und nicht viel los war, weshalb er früher als üblich zuschließen und nach Hause gehen konnte. Im Klartext: Ich stand auch hier vor verschlossenen Türen.

Nach einigem Hin und Her entschied ich mich dann, ein Heißgetränk beim großen M zu mir zu nehmen, weil es da zumindest wärmer als draußen war und ich mit dem Kauf dieses Heißgetränkes wenigstens zeitweilig eine Aufenthaltsgenehmigung erlangt hatte. Die Zeit vertrieb ich mir mit „Spiegelriss“ und dehnte sie so weit aus, dass ich tatsächlich mit der ersten S-Bahn wieder durch die Gegend fahren konnte. Und ich kann euch sagen, es ist spannend, mit welchen Leuten man mitten in der Woche in der Bahn sitzt, wenn der Bahnbetrieb gerade wieder aufgenommen wird.

So saß ich also erst in der letzten und dann in der ersten Bahn dieser Nacht und fuhr durch das nächtliche Hamburg und las in diesem Leserunden-Buch. Obwohl ich die ganze Nacht Zeit hatte, kamen dabei nicht viele Seiten rum, denn mit den fortschreitenden Stunden wurde ich auch immer müder. Schließlich war es so schlimm, dass ich mich auf dem letzten Umkehrweg Richtung Büro nicht mehr hinsetzte, sondern in der Tür stehen blieb – und selbst da Gefahr lief, auf der Stelle im Stehen einzuschlafen.

Ich habe keine Ahnung, wie genau ich den Tag schließlich rumgebracht habe, aber es waren auf jeden Fall eine Menge Kaffee und Schokolade im Spiel. Nach der Arbeit schaffte ich es auch wirklich noch, für den am nächsten Tag anstehenden Schreibmarathon einzukaufen, bevor ich – mit Schlüssel! – nach Hause fuhr, die Katzen aus dem Schlafzimmer befreite (meine Tür schließt nicht richtig, und wenn in mehreren Zimmern die Fenster geöffnet sind und der Wind pfeift, wird sie schon mal aufgedrückt, was die Katzen dann immer als Einladung verstehen, ohne zu begreifen, dass sie nicht wieder rauskommen, weil die Tür ja auch irgendwann wieder zugedrückt wird …), noch schnell etwas Essen in meinen Magen stopfte und nach etwa 36 Stunden Wachsein endlich, endlich ins Bett fallen konnte. Tatsächlich habe ich sogar noch eine Kurzgeschichte gelesen, bevor mich dann der Schlaf übermannte.

Knapp zwölf Stunden später weckte mich dann Klein-Pauli mit hungrigem Gemaunze und Tür-Gekratze, aber ich war auch so ausgeschlafen und konnte gut ausgeruht in den neuen tag starten, der zum Glück ein Feiertag war. Ins Büro zu fahren wäre aber auch kein Problem gewesen, da kurze Zeit später sich auch mein Wecker zu Wort meldete.

MurphysLaw

Was lernen wir daraus?
Achte immer darauf, ob Du auch wirklich alles hast. Und hinterlege Deinen Zweitschlüssel an einem Platz, wo Du auch mitten in der Nacht ohne große Umstände rankommst (also nicht im Büroschreibtisch). Oder stell zur Prävention ein Zelt vor Deinem Haus auf, in dem Du zur Not übernachten könntest.
Auf jeden Fall sollten immer Wechsel-Unterwäsche und Zahnbürste in Deiner Tasche sein. Man weiß ja nie, ne? ;)

Dieser Beitrag ist Teil 6 von 29 aus der Serie: Backstage | Zeige alle Teile

Teil 1: Neue Artikel-Kategorie: „Backstage“

Teil 2: Backstage: Wie viel Glück kann ein Mensch haben?

Teil 3: Backstage: Einmal und nie wieder!

Teil 4: Backstage: Warum mein Herz für Hamburg schlägt

Teil 5: Backstage: Shoppingwahn am Vor-Welttag des Buches

Teil 6: Backstage: Hamburger Nächte

Teil 7: Backstage: Draußen lesen

Teil 8: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht …

Teil 9: Backstage: A Question Of Lust – oder nicht?

Teil 10: Backstage: … Sonntagsgedanken …

Teil 11: Backstage: Jetzt beginnt mein (Lese)Wochenende …

Teil 12: Backstage: Gehaime vor- und nachwhainachtliche Überraschungspost

Teil 13: Backstage: Manchmal gibt’s so Momente …

Teil 14: Backstage: Eine Zugfahrt, die ist lustig …

Teil 15: Backstage: … durch Raum und Zeit und Worte …

Teil 16: Backstage: Interessante Jobangebote im richtigen Moment

Teil 17: Backstage: Wenn Schweigen zur Gewohnheit wird …

Teil 18: Backstage: Wenn eine gemeinsame Reise zu früh endet …

Teil 19: Backstage: „Ich muss mich leider über Dich beschweren.“

Teil 20: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht (Teil 2)

Teil 21: Backstage: Wenn Alpträume nicht nur den Schlaf rauben.

Teil 22: Backstage: Der etwas andere Liebesbrief

Teil 23: Backstage: Warum Schwäche auch eine Stärke sein kann

Teil 24: Backstage: Somewhere over the rainbow

Teil 25: Backstage: Hi, my name is Chase!

Teil 26: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht (Teil 3)

Teil 27: Backstage: Warum ich dieses Mal nicht am #litnetzwerk teilnehme

Teil 28: Backstage: Wenn Bedeutung unter die Haut geht (Teil 4)

Teil 29: Backstage: Sechs Monate, ein Jahr und zwei Leben


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2 Kommentare
  1. Cindy sagt:

    Da sind sehr schöne Bilder hinzugefügt!

    Kommen Erinnerungen an eine schöne zeit in Hamburg hoch. :-)

  2. Hannes sagt:

    Sehr schöne Story!!! Ist mir auch mal passiert bzw. so ähnlich. Kann mich noch genau dran erinnern. Bitte kein zweites Mal!

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